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Schleswig : Stadthistoriker beleuchten ihre dunkle Vergangenheit

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Im neuen Band der Gesellschaft für Schleswiger Stadtgeschichte geht es um den eigenen Umgang mit der NS-Zeit.

von
erstellt am 27.Nov.2015 | 18:58 Uhr

Falk Ritter ist selbst ein Betroffener. Sein Vater war Mitglied einer SS-Panzerdivision. Die NS-Vergangenheit ist immer wieder Thema für den Schleswiger Zahnarzt und Hobby-Historiker, zumal im Nachkriegsdeutschland allzu gerne der Mantel des Schweigens über die Nazi-Verstrickung vieler Führungseliten ausgebreitet wurde. In den neuen Beiträgen zur Schleswiger Stadtgeschichte rückt Ritter nun die eigene Zunft in den Fokus. In seinem wissenschaftlichen Aufsatz „Legendenbildung – vom Umgang mit der NS-Vergangenheit in Schleswig“ kommt er zu dem Schluss, dass erst seit ungefähr 1974 politisch unbelastete Personen in Vorstand und Redaktionsausschuss der Gesellschaft für Schleswiger Stadtgeschichte gelangten. Otto von Wahl etwa, ehemaliger Vorsitzender der Gesellschaft, war den Angaben zufolge bereits 1932 in die NSDAP eingetreten. Andere Mitglieder wie der einstige Schleswiger Bürgermeister und spätere Ministerpräsident Helmut Lemke seien vermutlich nicht aus Überzeugung der NSDAP beigetreten, schlussfolgert Ritter.

60 Jahre nach Gründung der Gesellschaft für Schleswiger Stadtgeschichte leiste Ritter Aufklärung, ohne zu verurteilen, sagt Redaktionsleiter Professor Rainer Winkler. „Wohl wissend, wie brisant das Thema noch heute ist“, wie er im Editorial schreibt. Mit der eigenen NS-Vergangenheit hatte sich die Gesellschaft bislang nur unzureichend auseinander gesetzt, wie die „Herting-Affäre“ zeigte. Ende der 90er Jahren hatte Dietrich Herting mit einem geschönten Beitrag über seinen Vater Adolph Herting, Schleswigs zweiten nationalsozialistischen Bürgermeister, die Gesellschaft der Stadthistoriker in eine schwere Krise gestürzt und den damaligen Vorsitzenden Holger Rüdel zum Rücktritt bewegt.

Schonungslos verfährt Ritter auch mit seinem Autorenkollegen Reimer Pohl. Der hatte in Band 59 im vergangenen Jahr den Auszug aus seiner Familienchronik mit dem Satz eingeleitet: „Mein Vater war kein Nationalsozialist.“ Ritter schreibt nun über den späteren Domschul-Direktor: „Zweifelsfrei jedoch war Dr. Erich Pohl am 1. Juli 1933 Mitglied der NSDAP geworden.“

Breiten Raum im aktuellen Heft, das in diesen Tagen an die 700 Mitglieder der Gesellschaft verschickt wird, nimmt die Geschichte des Schleswiger Theaters ein. Im Jahr, in dem die Spielstätte im Lollfuß dem Abrissbagger zum Opfer fiel, haben gleich drei Autoren den Blick zurück auf teilweise glorreiche Zeiten gerichtet. Ingrid Thomsen schildert zum Beispiel, wie Horst Gnekow als Intendant die Schleswiger Bühne in den glanzvollen 50er Jahren „mit zeitbewussten Spielplänen und instinktsicherem Engagement, Mut und Gespür zu echtem Theaterruhm“ gebracht habe.

Jørgen Kühl schreibt über die A.P.-Møller-Schule, die längst mehr als eine bloße Bildungseinrichtung ist. Redaktionsleiter Winkler verbindet mit Kühls Aufsatz zugleich die Hoffnung, „dass das bislang stiefmütterlich behandelte dänische Element in der Stadtgeschichte einen angemessenen Platz erhält“.

Rainer Winkler selbst widmet sich auf 15 Seiten „Schleswiger Stadtansichten in alten Darstellungen aus dem Besitz des Stadtmuseums“. Seinen Beitrag verbindet er mit einem Plädoyer zum Erhalt des Museums.

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