Bücherverbrennung : Spurensuche mit der Kamera

Mit seiner analogen Großformat-Kamera macht Jan Schenck seine Detailaufnahmen. Panorama-Bilder fertigt er anschließend digital.
Mit seiner analogen Großformat-Kamera macht Jan Schenck seine Detailaufnahmen. Panorama-Bilder fertigt er anschließend digital.

Der Hamburger Fotograf Jan Schenk dokumentiert Orte der NS-Bücherverbrennung – am Donnerstag war er auf dem Stadtfeld.

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25. Mai 2018, 07:00 Uhr

Es war am 23.  Juni 1933, ein Freitag, als sich am Abend bis zu 5000 Menschen auf dem Schleswiger Stadtfeld versammelten. Sie wurden Zeugen eines sonderbaren Schauspiels, das die neuen NS-Herrscher inszenierten: Mit Blockwagen waren unzählige Bücher – Gesamtgewicht: 2,5 Tonnen – herangeschafft worden, verfasst von bedeutenden Schriftstellern wie Bertolt Brecht, Erich Kästner, Heinrich Mann oder Anna Seghers. Der damalige Chefredakteur der Schleswiger Nachrichten, Fritz Michel, trug selbst verfasste Verse vor, die mit dem Satz endeten: „Entzündet die Flammen und lasset sie lodern.“ Dann steckten Mitglieder der Schleswiger Feuerwehr die Bücher mit Fackeln in Brand.

Bücherverbrennungen wie diese gab es vor 85 Jahren in rund 90 Städten in ganz Deutschland. Der Hamburger Fotograf Jan Schenck (36) hat sich vorgenommen, alle Orte dieses Geschehens mit der Kamera aufzunehmen und in einem Online-Atlas zu dokumentieren. Rund 20 Städte hat er bereits besucht. Gestern war er in Schleswig. Das Stadtfeld hat sich zwar seit 1933 stark verändert. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Orten der Bücherverbrennung ist es nach wie vor als großer Platz erhalten, der Raum bietet für eine Massenkundgebung. Als erstes fielen Schenck die altertümlichen öffentlichen Toiletten an der Straße neben dem Sky-Markt ins Auge. „Daran sieht man sofort, dass der Platz heute noch für Feste genutzt wird.“

Anfang der Woche war Schenck auf Helgoland. „Da steht jetzt ein Wohngebiet auf dem Gelände der Bücherverbrennung.“ Zu Hause in Hamburg wurde er auf das Thema aufmerksam, als er erfuhr, dass auch auf dem Grundstück der Alster-Schwimmhalle, die er als Jugendlicher regelmäßig besuchte, einst Bücher brannten. Das Thema beschäftigte ihn schon lange, weil auch die Werke seines Lieblingsschriftstellers Erich Kästner damals in Flammen aufgingen.

In Schleswig wie auch an den meisten anderen Orten gibt es keine Gedenktafel, die an das Geschehen erinnert. Mit seinem Online-Atlas möchte Jan Schenck einen Beitrag gegen das Vergessen leisten. Über eine Crowdfunding-Plattform im Internet sammelte er Geld für sein Vorhaben. Abschließen möchte er es bis 2023, zum 90. Jahrestag der NS-Machtergreifung und dem Beginn der Bücherverbrennungen nur wenige Wochen später. Aufmerksamkeit findet Schenck schon jetzt. So war er kürzlich auf der Leipziger Buchmesse zu Gast und stellte sein Projekt auch auf Einladung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels bei einer Tagung in Frankfurt vor.


>www.verbrannte-orte.de

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