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Ausgrabung in Haithabu : Spuren einer superreichen Wikingerin

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Bei ihren neuen Ausgrabungen in Haithabu haben die Gottorfer Archäologen bereits einige spektakuläre Funde gemacht.

von
erstellt am 01.Jun.2017 | 07:07 Uhr

„Richtig schöner Schmuck – mit Edelsteinen und in Gold gefasst.“ Eine staunende Besucherin auf dem Frühlingsmarkt in Haithabu berichtete an Ostern einem Reporter unserer Zeitung davon, was sie gesehen hatte, als sie einen Abstecher in das Zelt gemacht hatte, in dem die Gottorfer Archäologen gerade ein wikingerzeitliches Gräberfeld freilegen.

Wie spektakulär der Fund tatsächlich war, das konnte sie nicht ahnen. Und auch die Wissenschaftler selbst waren zwar innerlich sofort euphorisiert – blieben nach außen hin aber zunächst zurückhaltend. Gestern nun präsentierten sie der Öffentlichkeit die goldenen Grabbeilagen, die sie am Ostersonnabend gefunden hatten.

„Es hätte schlimmer kommen können“, sagte ein erleichterter Prof. Claus von Carnap-Bornheim, Leiter der Landesmuseen und zugleich Schleswig-Holsteins oberster Archäologe. Schlimmer – das wäre gewesen, wenn die Ausgrabung außer verrosteten Sargnägeln nichts hervorgebracht hätte. Schließlich hatten er und sein Grabungsleiter Sven Kalmring sich selbst unter Druck gesetzt, als sie Ende März erstmals in der Geschichte der Haithabu-Forschung eine Ausgrabung starteten, bei der jedermann zuschauen kann. Wer so etwas macht, will dem Publikum auch etwas bieten können.

Archäologe Sven Kalmring im Grabungszelt von Haithabu. Die weißen Markierungen auf dem Boden hinter ihm zeigen die Stellen, an denen bereits Fundstücke entdeckt wurden.
Archäologe Sven Kalmring im Grabungszelt von Haithabu. Die weißen Markierungen auf dem Boden hinter ihm zeigen die Stellen, an denen bereits Fundstücke entdeckt wurden.
 

Doch was genau es mit dem schönen Schmuck – mit Edelsteinen und in Gold gefasst – auf sich hat, dazu können die Wissenschaftler nicht viel sagen. Kostbar ist er, so viel ist klar. Und er lag im Grab einer Frau, die vermutlich im zehnten Jahrhundert bestattet wurde. An derselben Stelle war schon 1939 gegraben worden. Damals mussten die Archäologen nach zwei Wochen Hals über Kopf aufhören, weil der Zweite Weltkrieg begann. Da hatten sie bereits ein oval geformtes Schmuckstück aus Gold entdeckt. Aus solch einem einzelnen Fund ließen sich jedoch noch nicht viele Schlüsse ziehen. „Ein Grab, das bisher bemerkenswert war, ist jetzt herausragend“, meinte Carnap-Bornheim gestern. Dieses Grab zähle nun zu den „bedeutendsten drei Prozent“ aller wikingerzeitlichen Gräber. Hier sei offensichtlich eine Frau bestattet worden, die in ihrer Zeit „zu den Superreichen“ zählte. Viel deutet darauf hin, dass der filigran gearbeitete Schmuck direkt in Haithabu hergestellt wurde. Schriftliche Überlieferungen aus jener Zeit sind so rar, dass man wohl niemals herausfinden wird, wer sie war, wie sie hieß und welche Rolle ihre Familie in der Gesellschaft von Haithabu genau spielte.

Um mehr über den Alltag in der Wikingerzeit herauszufinden, sind andere Funde mindestens ebenso wertvoll wie der Goldschmuck. Kalmring und sein Team haben schon mehr als 3000 Funde katalogisiert. Vieles davon war sehr unscheinbar und kam erst zum Vorschein, nachdem das abgetragene Erdreich gesiebt wurde. Neben dem Goldschmuck aber entdeckten die Archäologen auch ein Schwert, eine Fibel mit byzantinischer Münze, eine silberne Kugelnadel sowie eine Bronzeschnalle.

Wer dabei sein will, wenn hier noch mehr Geheimnisse der Wikinger ans Tageslicht kommen, hat dazu noch bis in den Herbst hinein die Gelegenheit. Die Archäologen haben ihre Arbeitszeiten an die regulären Öffnungszeiten der Wikingerhäuser am Haddebyer Noor angepasst: täglich von 9 bis 17 Uhr. An den Wochenenden haben sie zwar normalerweise frei, das Grabungszelt ist dann aber trotzdem geöffnet. Schautafeln informieren dort über die aktuelle Ausgrabung und über ihre Vorgänger. Damit schafft das Archäologische Landesmuseum auch einen kleinen Ersatz für das eigentliche Museumsgebäude, das ein Stück nördlich vom historischen Siedlungsgelände liegt und noch mehr als ein Jahr lang wegen Sanierungsarbeiten geschlossen ist.

Um die öffentliche Präsentation der Ausgrabung möglich zu machen, hat das Landesmuseum drei Unterstützer mit ins Boot geholt, deren Vertreter nun gestern zu den ersten Außenstehenden gehörten, die sich das Gold aus der Nähe ansehen durften. Neben dem früheren Schleswiger Amtsgerichtsdirektor Kuno Vöge als Vorsitzendem des Fördervereins für das Archäologische Landesmuseum waren dies Christian Zöllner von der Prof.-Dr.-Werner-Petersen-Stiftung und Nospa-Chef Thomas Menke als Vertreter der schleswig-holsteinischen Sparkassen. Menke als Mann des Geldes fragte als erstes, wem die kostbaren Funde denn nun gehören. Kalmring deutete auf seinen Chef Carnap-Bornheim. Der Schmuck und die übrigen Gegenstände, über deren finanziellen Wert niemand eine Aussage zu machen wagt, sind Eigentum der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen. Grabräuber sollen übrigens keine Chance haben, daran etwas zu ändern. „Für das Sicherheitskonzept arbeiten wir eng mit dem Landeskriminalamt zusammen“, erklärte Gottorfs Pressesprecher Frank Zarp. „Das Zelt wird rund um die Uhr bewacht.“

Wer sich die schönsten Funde aus der Nähe ansehen möchte, wird dazu wohl erst in zwei bis drei Jahren die Gelegenheit haben. Dann, so Carnap-Bornheim, werde man sie wahrscheinlich im Wikingermuseum präsentieren.

 

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