Schleswig : Spektakuläre Landung auf der Schlei

Historische Aufnahme: 15 Flugboote vom Typ Dornier Do 24 landeten im Juni 1945 auf der Schlei.
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Historische Aufnahme: 15 Flugboote vom Typ Dornier Do 24 landeten im Juni 1945 auf der Schlei.

Vor 70 Jahren war Schleswig Kulisse für eine unglaubliche Rettungsaktion: 1000 Menschen wurden kurz nach Kriegsende mit Flugbooten eingeflogen.

shz.de von
25. Juli 2015, 07:06 Uhr

Fast sechs Wochen nach Kriegsende, am 18. Juni 1945, trauten die Schleswiger ihren Augen kaum, als am Himmel plötzlich 15 Flugboote – eskortiert von britischen Jagdflugzeugen – auftauchten und wenig später auf der Schlei landeten. In ihnen wurden rund 1000 Menschen, darunter 450 verwundete deutsche Soldaten, aus Dänemark nach Schleswig gebracht: die letzte Mission der Seenotgruppe 81 unter Leitung des Kommandeurs Karl Born.

Eine kleine Metalltafel auf einem Granitbrocken am Stadthafen erinnert an diesen letzten Flug vor nun genau 70 Jahren. Hans-Ludwig Meyer ist kürzlich über diese Gedenktafel „gestolpert“, wie er sagt. Als der 76-jährige Braunschweiger, der seit Jahren an der Schlei mit seiner Familie urlaubt, mit seinem Boot in Schleswig festmachte. Und schnell war seine Neugier geweckt. Er wollte mehr erfahren über diese Geschichte – und startete seine Recherchen. „Ich war vor meinem Ruhestand selbst bei der Luftfahrtforschungsanstalt in Braunschweig beschäftigt, habe meinen eigenen Flugschein erst mit Ende 60 abgegeben. Mich interessiert die Fliegerei sehr, deshalb wollte ich wissen, wie es zu diesem letzten Flug der Deutschen Luftwaffe kam.“ Nachdem in den Archiven in Schleswig jedoch nur wenig über das Ereignis zu finden war, nahm er über die Traditionsgemeinschaft „Alter Adler“ Kontakt zu ehemaligen Piloten auf und lernte so auch Menschen kennen, die den damaligen Kommandeur Karl Born kannten. Außerdem entdeckte er, dass Born selbst in seinem Buch „Rettung zwischen den Fronten“ seine letzte Landung auf der Schlei verewigt hat. Aus all den kleinen Bruchteilen ließ sich schließlich rekonstruieren, was sich damals zugetragen hat.

Die Seenotgruppe 81 war im September 1944 als ein Verband des Seenotdienstes der Luftwaffe zum Einsatz im Gebiet von Flensburg bis nach Lettland aufgestellt worden. „In aufreibenden Einsätzen hat sie ab Januar 1945 eine große Anzahl von Flüchtlingen, viele davon waren Kinder, Kranke und Verwundete, vor dem anrückenden sowjetischen Militär evakuiert“, hat Meyer herausgefunden. Demnach war der Hauptstützpunkt der Truppe damals der Seefliegerhorst in Bug auf Rügen. Mitte März 1945 erfuhr Hauptmann Born zufällig, dass bei der Konferenz der Alliierten auf Jalta beschlossen wurde, dass das Gebiet bis zum 12 Breitengrad Ost nach Kriegsende von den Sowjets besetzt werden würde. Rügen fiel in dieses Gebiet. Also bereitete Born die Verlegung seiner Truppe vor. In einer Nacht- und Nebelaktion bei absoluter Funkstille und im Tiefflug flogen am 5. Mai 1945 alle Maschinen in den Guldborgsund (Dänemark). Neben zahlreichen Flüchtlingen und Verletzten durften nur direkte Familienangehörige der Besatzung sowie Wartungs- und Pflegepersonal mitfliegen. „Durch einen Feldgottesdienst wurden schnell noch einige Freundinnen zu Ehefrauen und durch einen Erste-Hilfe-Kurs viele Ehefrauen zu Hilfskrankenschwestern“, erzählt Hans-Ludwig Meyer weiter.

Am 11. Mai 1945, drei Tage nach Kriegsende, wurde Hauptmann Born schließlich aufgefordert, an den Flugbooten alle Hoheitszeichen und Embleme zu entfernen. Auf den Rumpfseiten wurden unter Billigung der Briten weiße Kreisflächen mit Kreuzen aufgemalt und alle Angehörigen der Einheit erhielten einen Sanitätsauweis. In seinem Buch schildert Karl Born die Lage so: „Solch ein Transportflug konnte die Dänen von erheblichen Problemen befreien, denn immer noch waren ringsum zahlreiche Krankenhäuser mit deutschen Verwundeten überbelegt.“ Und so starteten am 18. Juni 1945 die Flugzeuge Richtung Schleswig. An Bord sehr viel mehr Menschen, als eigentlich für sie zugelassen waren. Wie auf dem Gedenkstein zu lesen, waren es fast 1000 Personen, die Hälfte davon verwundete deutsche Soldaten, die in einem internationalen humanitären Akt nach Deutschland geflogen wurden – der vorerst letzte Flug der Deutschen Luftwaffe (See).

Hans-Ludwig Meyer freut sich, am Ende doch so viel über dieses historische Ereignis erfahren zu haben. „Noch schöner wäre es, wenn durch den Artikel Kontakte zustande kommen, mit Menschen, die diesen Tag hier in Schleswig miterlebt haben.“ (Kontakt über die SN-Redaktion)




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