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Wiebke Hansen : Sörup: Eine Schlosserin geht auf die Walz

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Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Eine 22-Jährige will ihren Beruf und sich selbst besser kennenlernen. Deshalb kletterte sie am Montag in Sörup über das Ortsschild und machte sich auf den Weg – drei Jahre und einen Tag lang.

shz.de von
erstellt am 25.Feb.2014 | 17:00 Uhr

Der Schritt in ein neues Leben begann gestern für Wiebke Hansen mit einem alten Ritual und einer vergleichsweise unspektakulären Etappe. Sie kletterte über das Söruper Ortsschild und machte sich auf den Weg in Richtung Satrup. Die 22-jährige gelernte Landmaschinen-Mechanikerin ist nun auf der Walz – der traditionellen Wanderschaft ausgelernter Zunftgesellen. Drei Jahre und einen Tag wird sie unterwegs sein, darf ihrem Heimatort Havetoftloit nicht näher als 50 Kilometer kommen und muss sich ihre Reise durch Arbeit selbst verdienen. Ein Abenteuer, das die Persönlichkeit stärken und viele Erfahrungen bringen soll.

Auch wenn diese uralte Tradition aus dem Mittelalter in den vergangenen Jahrzehnten eine gewisse Renaissance erlebt hat, ist Wiebke Hansen als Frau und Mechanikerin eine sehr seltene Ausnahme. Sorgen macht sie sich deshalb nicht. „Ich bin zwar ziemlich aufgeregt, aber ich bin ja nicht allein.“ Ihr Bruder ist seit anderthalb Jahren auf der Walz – und seitdem beschäftigt sich die junge Frau mit dem Gedanken an eine Wanderschaft.

Auf einem Treffen lernte sie dann den Altgesellen Martin kennen. Dessen Reise endet im April, und er stellte sich Wiebke als Altgeselle zur Verfügung – als Begleiter, Berater und Beschützer. Eine sinnvolle Einrichtung, denn es ist schon ein beängstigender Gedanke, plötzlich ganz ohne die gewohnten Sicherheiten auf sich allein gestellt zu sein. Gerade einmal fünf Euro hatte sie in der Tasche, als sie ihr Zuhause verließ.

Die ersten 50 Kilometer muss sie zu Fuß absolvieren, erst danach ist Trampen erlaubt. Und wo schläft sie, wo bekommt sie etwas zu essen? „In einem Pastorat vielleicht, bei Menschen, die uns aufnehmen.“ Wiebke Hansen ist überzeugt, dass sie lernen wird, nach Unterkunft zu fragen. „Es ist mir schon klar, dass ich alle Sicherheit aufgebe und mich in ein Abenteuer stürze“, sagt sie.

Die Woche vor ihrer Abreise war stressig. Sie hatte nicht nur am Sonnabend die große Abschiedsfete für Familie, Freunde und andere Wandergesellen zu planen – sie musste auch ihr künftiges Leben nach den Regeln der Zunft planen. „Ich habe mein Auto verkauft, die Wohnung aufgelöst, mir ein Konto eingerichtet, von dem ich überall auf der Welt Geld abheben kann und mein Handy verschenkt. Das ist auf der Reise nämlich verboten.“ Die Regeln sehen außerdem vor, dass alle Schulden beglichen werden müssen – der Geselle soll schließlich ohne jede Belastungen in den neuen Lebensabschnitt starten. Zu erkennen sein wird Wiebke Hansen an der blauen Kluft der Metallwerker.

In den kommenden zwei bis drei Monaten wird Wiebke Hansen Anwärterin sein – eine Zeit, in der sie immer noch abbrechen kann. Dann muss sie sich entscheiden. „Sagt sie dann Ja, gibt es kein Zurück“, erklärt Martin.

Ans Aufgeben verschwendet Wiebke Hansen aber keinen Gedanken, auch wenn ihre weiteste Reise bisher eine Klassenfahrt nach Paris war – dafür hat sie zu viel vor. Ihre Traumziele liegen in Kanada und Australien – nicht wegen der schönen Landschaft, sondern wegen der großen Maschinen. „Wir haben hier zwar eine sehr gute Ausbildung. Aber dort haben die Maschinen noch ganz andere Dimensionen. Ich gehe auf Wanderschaft, weil ich mehr über meinen Beruf erfahren möchte – und über mich.“

Wiebke Hansen hat nun drei Jahre Zeit, die Welt und ihre eigenen Grenzen zu erkunden. Wenn alles nach Plan läuft, wird sie am 24. Februar 2017 wieder am Söruper Ortsschild von Freunden und Bekannten empfangen. „Wer zurückkommt, ist ein anderer Mensch“, sagt Martin.

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