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Straßenmusiker Gerardo Rosi : „So clever bin ich nicht“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Konzert auf der Durchreise: Straßenmusiker Gerardo Rosi aus Italien spielte gestern in der Schleswiger Fußgängerzone

Gerardo Rosi ist ganz zufrieden mit seiner Bühne – das alte Hertie-Haus im Hintergrund ist zwar schäbig, aber immerhin schützt der Überstand vor Regen. Gitarre, Mikrofon, Notenständer und seine klare dunkle Stimme – mehr braucht der 57-jährige Italiener nicht, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Sein Auftritt ist besonders. Es gibt viele Sänger mit Gitarre, die in den Fußgängerzonen aufspielen. Bei Gerardo Rosi, der sich der Einfachheit halber Gerry nennt, bleiben die meisten stehen, wippen mit dem Fuß oder hören einfach still zu. Jutha Vehre aus Wohlde spricht den Musiker sogar an, kauft einer der selbst produzierten CDs. Auf ihren Wunsch singt er „In the early morning rain“ von Gordon Lightfoot.

Viele Münzen fliegen in den aufgeklappten Gitarrenkasten. Die Passanten spüren einfach, was Rosi selbst formuliert: „Ich habe das Privileg, das tun zu dürfen, was ich wirklich liebe.“ Er erfüllt zwar den einen oder anderen Wunsch, spielt aber keine Hits nach, weigert sich auch, im Dezember Weihnachtslieder zu spielen und sucht sich seine Stücke nach der eigenen Stimmung aus.

Geld? Ja, er braucht Geld, um durchzukommen, bekennt der Musiker. Aber das war es auch schon. „Ich bin nicht reich“, sagt er, „aber ich bin auch nicht Sklave des Geldes“. Es sei bestimmt richtig, für die Zukunft zu sparen. „Aber so clever bin ich nicht.“ Immerhin aber hat er die Erfahrung gemacht, dass das Geldverdienen auf der Straße schwieriger wird, wenn man es unbedingt will. Als einmal sein altersschwacher Camper in Schweden den Geist aufgab, versuchte er, die Gaben durch einen Zettel anzukurbeln, auf dem er sein Dilemma beschrieb. Ein totaler Reinfall. Geld gebe es nur, wenn man entspannt sei und die Menschen spürten, dass man in sich ruht.

Gerardo Rosi floh schon mit 17 Jahren mit seiner Gitarre aus Bologna und ist seitdem regelmäßig in Europas Fußgängerzonen unterwegs, mit Vorliebe in kleineren Städten. Vorgestern Osnabrück, gestern Schleswig, heute Tondern. Was danach kommt, ist noch ungewiss. Ebenso wie in seiner Musik verlässt er sich bei der Routenplanung auf seine Intuition.

Die hat ihm natürlich nicht immer geholfen. „Ich habe selbst viele Fehler gemacht und nicht nur gute Zeiten erlebt“, deutet er an. In Sachen Musik aber steht er zu seinem Lebensweg. Stolz verweist er darauf, dass er keine Ausbildung genossen, sondern sich alles selbst beigebracht hat. Und immer noch lernt. Seine Stimme bezeichnet er als Geschenk, das Gitarrenspiel habe sich immer weiter entwickelt. „Manchmal, wenn ich ganz entspannt bin, wundere ich mich selbst darüber, wo das eigentlich herkommt, was ich spiele.“

Zurzeit ist Gerardo Rosi auf dem Weg nach Schweden und Finnland. Aber auch im nördlichen Schleswig-Holstein hat er gute Erfahrungen gemacht. Gespürt, dass seine Einschätzung richtig ist, dass Musik Kommunikation bedeutet. Eine kleine Einschränkung macht er für Husum. Allerdings nur wegen des Wetters. „Da gab es viel Regen und immer Wind.“ Für Schleswig dagegen will er sich beim nächsten Mal ein wenig mehr Zeit nehmen und die schöne Umgebung, die er bei der Anreise aus dem Autofenster gesehen hat, mit dem Fahrrad erkunden.

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erstellt am 12.Aug.2017 | 12:29 Uhr

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