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Flüchtlinge in Schleswig : Sie fühlen sich willkommen

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Syrischer Familie gelingt es von Tag zu Tag mehr, in Schleswig Fuß zu fassen. Ehrenamtliche Flüchtlings-Lotsen der Stadt begleiten sie dabei.

von
erstellt am 13.Jun.2015 | 07:46 Uhr

Schüchtern, aber irgendwie auch souverän empfängt uns Elham, das Mädchen aus Syrien, vor der kleinen Wohnung im Waldemarsweg: „Hallo. Bitte hereinkommen!“ Erst 15 Jahre alt managt und dolmetscht sie ihre Mutter und die drei Brüder durch den Schleswiger Alltag. Im späten Oktober ist die Familie, die in der Nähe von Damaskus lebte und vor dem Bombenkrieg geflüchtet ist, angekommen – nach einer über zwei Jahre dauernden Odyssee durch den Libanon, über das Mittelmeer, dann Italien, Österreich, Süddeutschland. Endstation ist Schleswig.

Wenn es nach den Wünschen der Familie geht, könnte das so bleiben. Das Asylverfahren läuft noch. „Und die Chancen für die Familie stehen gut, da sie aus dem Kriegsgebiet kommen“, erklärt Oliver Frieß, der Mann im Rathaus für alle Flüchtlingsfälle.

Als die Mutter sich dazusetzt, nachdem sie allen einen Espresso mit Kardamon serviert hat, lässt sie von den beiden älteren Kindern übersetzen, wie sehr sie sich darüber freut, dass sie in Schleswig so herzlich aufgenommen worden sind und unerwartet viel Hilfe von verschiedenen Seiten erhalten. Dennoch: Dass ein Schatten auf die Familie fällt, ist im Gespräch zu spüren. Elham und ihr 17 Jahre alter Bruder Suleman, der im BBZ gerade Deutsch lernt und sich auf Englisch verständigt, erzählen, wie sehr alle den Vater vermissen. Besonders das Nesthäkchen der Familie, der kleine Rahman, der nun in die erste Klasse der Bugenhagenschule geht, bricht deshalb immer wieder in Tränen aus: „Wir sagen ihm dann, dass der Papa bald kommt.“ Tatsächlich jedoch sitzt der im Libanon fest und versucht trotz des allgemeinen Chaos dort, seine Ausreisepapiere für Deutschland zusammen zu bekommen.

Als die Familie im vergangenen Herbst in Schleswig ankam, konnte auch Elham kein einziges Wort Deutsch. Und so, wie in umgekehrter Lage ein Schleswiger Kind wohl Probleme hätte, wenn es als Flüchtling die Schule in Damaskus besuchen müsste, so beschreibt auch Elham ihre ersten Gehversuche in der Dannewerkgemeinschaftsschule als schwierig. „Es war nicht schön. Ich konnte gar nichts verstehen und hatte keine Freunde.“ Und jetzt? „Jetzt habe ich welche“, sagt sie und lächelt. Mehr noch: Sie nimmt sogar zusätzliche Angebote in der Dannewerkschule wahr. „Ich mache nun Hip-Hop.“ Das klingt gut, nämlich nach Spaß unter Gleichaltrigen und danach, die traumatischen Fluchterlebnisse ein wenig hinter sich zu lassen. Dazu gehört für Elham eine typisch altersgemäße kleine Sorge: Sie schaut an sich herunter – schaut auf ihr Outfit vom Mode-Label Awo. Bei aller Dankbarkeit, dass die Schleswiger Awo die Flüchtlingsfamilien mit Möbeln und Kleidungsstücken ausstattet, bleiben für einen hübschen Teenie wie Elham natürlich Wünsche offen nach wahrer textiler Coolness.

Was man bei der Familie spürt, ist, dass sich alle sehr gut verstehen. Und dass bei dem liebevollen und respektvollen Umgang untereinander der Humor nicht zu kurz kommt. „Die Familie lacht gerne“, sagen Uta und Klaus Müller, die zu den Schleswiger Lotsen gehören und sich um die syrische Familie kümmern.

An diesem Vormittag, als die Fotos aufgenommen werden, zeigt sich die Herzlichkeit zwischen den Müllers und der Familie. Wie Verwandte gehen sie miteinander um, auf dem Sofa schmiegt sich der kleine Hakim eng an Uta Müller. Sie ist für die Begleitung bei Arztbesuchen zuständig, und ihr Mann Klaus, pensionierter Domschullehrer, kümmert sich naturgemäß um alle schulischen Angelegenheiten seiner Schützlinge. Er fragt genau nach, wie es läuft mit der Schule. „Die Kinder sind ehrgeizig, sie wollen, wenn die Sprachbarriere behoben ist, vielleicht sogar studieren“, sagt er. Der Dannewerkgemeinschaftsschule und der Bugenhagenschule bescheinigt er viel Geschick und Erfolg bei der Förderung der Flüchtlingskinder. Hingegen berichtet Uta Müller von einem Negativ-Erlebnis in einer Schleswiger Augenfacharzt-Praxis. „Als Elham nicht den richtigen Schein für ihre neue Brille dabei hatte, wurde uns in unfreundlichem Ton gesagt, sie solle später wiederkommen. In einem halben Jahr. Dass man uns wegen einer Formalie einfach wegschickt, hat mich geärgert“, meint sie. Unabhängig davon stimmen die Müllers dem Rathaus-Sachbearbeiter Oliver Frieß zu, der sagt: „Die vom Bürgermeister eingeführte Willkommenskultur für Flüchtlinge ist hier besonders spürbar. Die Schleswiger sind unglaublich hilfsbereit.“

Zu Hause, bei Damaskus, liegt das Heim der Familie in Schutt und Asche. Die Mutter hat noch gut die Zitronen und Granatäpfel im eigenen Garten in Erinnerung. Doch ihre Kinder sagen: „Hier freut sie sich jetzt darüber, wie schön es überall in Schleswig blüht.“

 

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