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Kind mit Downsyndrom : „Sie bringt viel Liebe in unser Leben“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Ylva Grell aus Handewitt ist wütend darüber, dass ihre Tochter Kim Lena wegen ihres Downsydroms immer wieder von Passanten beschimpft wird. Bei Facebook macht sie ihrem Ärger Luft.

Eigentlich ist es nicht Ylva Grells Art, öffentlich ihre Meinung zu sagen. Oft hat sie ihre Wut runtergeschluckt. Doch vergangene Woche platzte der Mutter von Kim Lena der Kragen. Die 18-Jährige hat das Downsyndrom (Trisomie 21) und wird immer wieder von Menschen beschimpft. Zuletzt während eines Spaziergangs. „Kim Lena muss für lange Ausflüge im Moment im Rollstuhl sitzen, weil sie sich das Sprunggelenk gebrochen hat. Das ist für sie schon schwer genug, weil sie ja sowieso ein Handicap hat“, erklärt Ylva Grell. Doch damit nicht genug: Vorbeikommende Spaziergänger hätten sich laut abfällig über das Mädchen geäußert: „Guck mal das dicke Kind im Rollstuhl“ oder „auch noch lauffaul“, habe es geheißen.

„Das hat mich so wütend gemacht, dass ich mir einfach mal Luft machen musste“, sagt die 39-Jährige. Das Mittel ihrer Wahl war der Post in einer Handewitt-Gruppe im Sozialen Netzwerk Facebook. Dort schildert sie die Geschichte und schreibt: „Wir wohnen seit 13 Jahren hier, und ich habe immer versucht, meine Tochter zu integrieren, welches in der heutigen Gesellschaft einfach schwer möglich ist. Es wird einfach geurteilt statt nachzufragen.“

Mit einer Reaktion auf ihre Nachricht hat sie gar nicht gerechnet: „Ich dachte, es kommen noch weitere Pöbeleien.“ Doch das Gegenteil passierte. Innerhalb weniger Stunden hatten sich zahlreiche Handewitter geäußert – positiv und unterstützend. Bis heute sind etwa 60 Kommentare zusammengekommen, über 100 Menschen haben auf den Post reagiert. „Das hat mich sehr gefreut. Kim Lena bekommt nämlich alles mit und leidet unter den Anfeindungen. Da blutet mir als Mutter natürlich das Herz.“ Seit der Geburt des Mädchens müsse die Familie damit leben, dass Menschen sich abwenden oder schlecht reden. Die Begegnung beim Spaziergang sei kein Einzelfall. „Früher hieß es, da liegt ein Monster im Kinderwagen. Wenn ich heute mit Kimi unterwegs bin, wird in so einer Lautstärke getuschelt, dass wir es auf jeden Fall mitbekommen“, sagt Ylva Grell. Geschämt für ihr Kind habe sie sich nie: „Ich bin froh, dass wir sie haben. Sie gibt so viel Liebe und Wärme.“

Manche Menschen sehen das jedoch anders. Schuld sind Vorurteile: „Es wurde gesagt, dass Kim Lena aggressiv sei, weil das jemand mal in einer Fernsehdokumentation gesehen hat. Kinder durften deswegen nicht mit ihr spielen. Dabei hat sie doch eine eigene Persönlichkeit.“ Alles, was Ylva Grell sich wünscht, ist, dass ihre Tochter von der Gesellschaft akzeptiert wird. „Es wird immer über Inklusion gesprochen, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass das nicht der Fall ist.“

Oft hätten sie und ihr Mann sich alleine gelassen gefühlt. „Das hat schon mit der Geburt angefangen“, erinnert sich Grell. Sie war Anfang zwanzig und Kim Lena ein Wunschkind. Alle Tests in der Schwangerschaft hätten ergeben, dass das Kind gesund ist. Nach der Geburt der Schock: „Ich habe gleich gesehen, dass mit ihr etwas nicht stimmt.“ Kim Lena kam in der damaligen Klinik West in Flensburg zur Welt und wurde direkt nach der Geburt in die Diako verlegt. Ylva Grell blieb alleine zurück. „Für mich waren die ersten zwölf Stunden schrecklich. Es lief in meinem Kopf ein Film ab, über all die Dinge, die sie in ihrem Leben nie erfahren würde.“ Doch was genau die Diagnose Trisomie 21 bedeutete, darüber habe sie niemand so richtig aufgeklärt. Nur soviel: „Mir wurde geraten, so schnell wie möglich noch ein weiteres Kind zu bekommen, das Kimi mitziehen sollte.“ Nach rund einem Jahr war Ylva Grell wieder schwanger und die Angst ein ständiger Begleiter. Was, wenn das Kind wieder ein Handicap aufweist? „Zum Glück ging alles gut“, ist Ylva Grell auch noch heute erleichtert.

Der Plan der Ärzte ging auf, Kim Lena entwickelte sich besser als erwartet. Sie ging in Harrislee in eine integrative Kindergartengruppe. „Gerne hätten wir sie auch in eine normale Schule geschickt, dort hätte sie aber nur bis zur vierten Klasse bleiben können.“ Ganze sechs Wochen habe das Ehepaar Grell mit sich gerungen. Dann schließlich die Entscheidung: „Schweren Herzens haben wir sie zur Friholtschule, ein Förderzentrum, geschickt.“ Wieso schweren Herzens? „Weil wir eigentlich wollten, dass Kimi mit gesunden Gleichaltrigen in Kontakt kommt“, erklärt Ylva Grell.

Zwar unternehme Kim Lena viel mit ihrer jüngeren Schwester, richtige Freunde habe sie aber nicht. „Ich finde, es sollte Angebote geben, bei denen Menschen mit Downsyndrom nicht nur unter sich sind“, kritisiert Ylva Grell. Sie habe lange gesucht und nichts Entsprechendes gefunden. Sie wünscht sich, dass ihre Tochter alle Erfahrungen eines ganz normalen Teenagers machen kann: „Sie soll in die Disco gehen, tanzen, Menschen kennenlernen, erwachsen werden.“

Auf dem Papier ist sie es schon: Bald wird Kim Lena 19, sie arbeitet im Holländerhof. Das Mädchen befindet sich aber auf dem Entwicklungsstand einer Zwölfjährigen, trotzdem hofft ihre Mutter, dass sie eines Tages selbstbewusst durchs Leben gehen kann. „Ich hoffe, dass mit den positiven Reaktionen auf Facebook ein Anfang für mehr Verständnis gemacht wurde“, sagt Ylva Grell. Eine Veränderung hat sie schon festgestellt. „Wir werden öfter gegrüßt, und es wird auch gefragt, wie es Kimi so geht.“

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erstellt am 04.Feb.2017 | 00:00 Uhr

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