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Nach der Bluttat von Rendsburg : Sicherheit in Schleswiger Behörden: „Es wird ablaufen wie am Flughafen“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Einlasskontrollen, Alarmknöpfe, Fluchttüren: Nicht erst seit der Bluttat von Rendsburg erhöhen Schleswigs Behörden ihre Sicherheits-Standards.

Die Schockwelle nach der Bluttat im Rendsburger Finanzamt hat auch die Nachbarstadt Schleswig erfasst. Das gilt nicht nur für die 140 Mitarbeiter im hiesigen Finanzamt in der Suadicanistraße, die ihren Dienst gestern mit einer Trauerminute begannen, sondern auch für zahlreiche andere Behörden und Einrichtungen mit Publikumsverkehr. Im Kreishaus wurden sofort Erinnerungen wach an den Tod einer Kollegin aus der Führerscheinstelle. Sie war im April vergangenen Jahres in ihrem Haus in Lürschau erstochen worden – von einem Mann, der sie dafür verantwortlich machte, dass er seine Fahrerlaubnis verloren hatte.

Spätestens seit diesem Vorfall ist die Sicherheit in der Kreisverwaltung ein großes Thema. Es gibt ein Alarmsystem, über das jeder Mitarbeiter sofort Hilfe holen kann. „Wir denken auch darüber nach, in den Büros zusätzliche Türen zu schaffen“, sagt Landrat Wolfgang Buschmann. Die Mitarbeiter sollen einen Fluchtweg ins Nebenzimmer haben, falls sie sich bedroht fühlen. Das werde sich allerdings nicht in allen Räumen umsetzen lassen. Deshalb achte man zumindest darauf, dass nirgends der Schreibtisch „so steht, dass sich der Mitarbeiter hinter ihm eingesperrt fühlt“, sagt Buschmann.

Eines aber schließt der Landrat kategorisch aus: Einlasskontrollen, wie sie in manchen anderen Behörden jetzt diskutiert oder bereits praktiziert werden. „Sicherheitsschleusen wird es bei uns nicht geben“, erklärt Buschmann. „Das Kreishaus ist ein offenes Haus für die Bürger.“ Das verschachtelte Gebäude an der Flensburger Straße hat vier verschiedene Eingänge, die alle tagsüber für jeden Passanten offen stehen. Überall Einlasskontrollen einzuführen, widerspräche nicht nur der Philosophie einer bürgernahen Verwaltung, es sei auch kaum praktikabel.

Anders ist die Lage im Amtsgericht. Der ursprüngliche Haupteingang des historischen Heespenhofes im Lollfuß ist schon seit vielen Jahren meist verriegelt. Besucher betreten das Gebäude über ein Foyer im Neubau. Eingelassen werden sie erst, nachdem sie dem Pförtner, der hinter einer Glasscheibe sitzt, ihr Anliegen vorgetragen haben. Und diese Sicherheitsvorkehrungen werden in wenigen Wochen noch weiter verschärft. Im Oktober wird umgesetzt, was Amtsgerichtsdirektor Christian Blöcker bereits vor zwei Jahren angekündigt hatte, nachdem ein Angeklagter im bayerischen Dachau während einer Strafverhandlung den Staatsanwalt erschossen hatte. Metalldetektoren sollen nun verhindern, dass Besucher das Schleswiger Amtsgericht mit Waffen oder anderen gefährlichen Gegenständen betreten. „Es wird ablaufen wie am Flughafen“, erklärt Klaus Schulze, der Geschäftsleiter des Gerichts. Schlägt der Detektor am Eingang Alarm, wird ein Wachtmeister den Besucher abtasten.

„Die Amtsgerichte haben mehr Publikumsverkehr als wir, da wird die Gefährdungslage höher eingeschätzt“, sagt Rainer Hanf, Vizepräsident des Oberlandesgerichts im „Roten Elefanten“. Dennoch wird nach den Amtsgerichten im Land im kommenden Jahr auch das OLG einen Metalldetektor erhalten. Außerdem ist geplant, sämtliche Sitzungssäle im Erdgeschoss zu konzentrieren. Das Treppenhaus ist dann nur noch für Gerichts-Mitarbeiter mit einer Chipkarte zugänglich.

Von solchen Überlegungen ist man im Schleswiger Rathaus weit entfernt. Erfahrungen mit gewaltsamen Übergriffen hat man hier in den vergangenen Jahren nicht machen müssen. „Aber es kommt immer wieder vor, dass Kolleginnen und Kollegen verbal bedroht werden“, sagt Rathaus-Pressesprecherin Antje Wendt. Nicht zuletzt deshalb hat die Stadtverwaltung erst vor wenigen Wochen ein neues Sicherheitssystem eingeführt: Eine Software, die es jedem Mitarbeiter ermöglicht, über seine Computer-Tastatur einen Alarm auszulösen, um Kollegen aus benachbarten Büros zu Hilfe zu rufen.

Aber nicht nur in Behörden kann es geschehen, dass Besucher, die sich schlecht behandelt fühlen, gewalttätig werden, wie ein Fall aus Schleswig vor 13 Jahren zeigt. Damals erschoss ein unzufriedener Patient einen Arzt im Sprechzimmer einer Gemeinschaftspraxis im Schwarzen Weg. Sicherheitsschleusen in Arztpraxen oder vergleichbaren kleineren Einrichtungen sind dennoch kaum vorstellbar. So etwas wird nicht einmal im Helios-Klinikum erwogen. „Wir bleiben ein öffentlich zugängliches Haus“, sagt Sprecherin Inke Asmussen. Zwar hätten die Mitarbeiter am Eingangstresen jeden Besucher im Blick, aber kontrolliert werde in der Regel niemand.

Und im Finanzamt? Dessen Leiter Wolfgang Artz verweist auf das Kieler Finanzministerium. Dort müsse nun entschieden werden, ob und welche Konsequenzen nach den Rendsburger Todesschüssen gezogen werden.

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erstellt am 03.Sep.2014 | 12:17 Uhr

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