Sextaner-Boom an der Domschule

Georg Reußner, Jahrgang 1953, ist als Lehrersohn in Kiel und Itzehoe aufgewachsen. Sein Referendariat machte er 1982 bis 1984 an der Domschule.  Die nächste Station war die Integrierte Gesamtschule in Neumünster, bis er 1999 die Leitung der Domschule übernahm.  Er ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Foto: Bühmann
Georg Reußner, Jahrgang 1953, ist als Lehrersohn in Kiel und Itzehoe aufgewachsen. Sein Referendariat machte er 1982 bis 1984 an der Domschule. Die nächste Station war die Integrierte Gesamtschule in Neumünster, bis er 1999 die Leitung der Domschule übernahm. Er ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Foto: Bühmann

Nach G9-Einführung: Anmeldungen der Fünftklässler sprunghaft angestiegen / Schulleiter Georg Reußner drängt auf Kapazitätserweiterung

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01. April 2011, 09:11 Uhr

Schleswig | Der Andrang ist enorm. 174 Fünftklässler haben sich an der Domschule für das kommende Schuljahr, das unter dem G9-Zeichen starten wird, angemeldet. Das sind 55 Schüler mehr als im Vorjahr, stellte Schulleiter Georg Reußner fest, nachdem gestern Mittag die Anmeldefrist für Bewerber beendet war. Doch angesichts des Sextaner-Booms gibt es einen Haken: Wegen der fehlenden Raumkapazitäten können nicht alle aufgenommen werden, kündigt der Schulleiter im Freitags-Interview mit unserem Redaktionsmitglied Frauke Bühmann an.

Herr Reußner, wie geht es Ihnen als Schulleiter nach gerade bestandener G9-Prüfung?

Danke, sehr gut. Nach den doch überraschend hohen Anmeldezahlen müssen wir jetzt sehen, wie viele der Bewerber wir aufnehmen können. Das hängt auch davon ab, ob in Abstimmung mit dem Schulträger und dem Bildungsministerium Kapazitätserweiterungen möglich sind.

Sie stecken also in den Nachwehen der G9-Geburt. Vergleicht man die aktuellen Anmeldungen der Fünftklässler mit denen des Vorjahres, so kommen zahlenmäßig zwei Klassen zusätzlich zusammen. Obwohl der Schulträger eine Vierzügigkeit für die Domschule festgesetzt hat - wird man angesichts des Andrangs nun fünfzügig verfahren müssen?

Wir wollen versuchen, diesen Weg zu gehen. Wenn unser Neubau zur Verfügung steht, wird sich die Raumsituation entspannen. Wir könnten, wenn das Bildungsministerium es will, nach den Sommerferien fünfzügig mit dem neuen Jahrgang starten. Allerdings unter schwierigen Bedingungen für eine Klasse der höheren Jahrgänge, die dann keinen festen Raum zur Verfügung hätte.

Der nächste fünfte Jahrgang wird nach den Sommerferien zu G9-Bedingungen antreten. Was ist eigentlich mit den jetzigen Fünftklässlern? Haben die nach der Minister-Entscheidung für die G9-Ausrichtung der Domschule nun ebenfalls eine Wahl zwischen dem acht- oder neunjährigen Bildungsweg?

Das ist ein ganz heikles Thema...

... zu dem Sie sich am liebsten nicht öffentlich äußern würden?

Na ja, beginnen wir mit der gesetzlichen Lage. Das Schulgesetz erlaubt den Schulen, von G8 auf G9 für den neuen fünften Jahrgang umzustellen. Es besagt zudem, dass jeder Schüler das Recht hat, bis zu seinem Schulabschluss zu den Bildungsbedingungen unterrichtet zu werden, unter denen er sich angemeldet hat. Das heißt: Die jetzigen Fünftklässler sind noch zu G8-Bedingungen bei uns eingeschult worden, haben also laut Schulgesetz nicht das Anrecht auf G9. Obwohl sich nach unseren Umfragen in den derzeitigen fünften Jahrgangsklassen eine deutliche Mehrheit für den längeren Bildungsweg abzeichnet, würde es schwierig werden, sie in G8 und G9 aufzusplitten. Zwar könnte man für G8-Schüler spezielle Lerngruppen zusammenstellen, aber die müssten mindestens zwei Klassenstärken ergeben, weil sonst später keine vernünftige Oberstufe für sie zu Stande käme. Und ich glaube auch nicht, dass wir genügend Schüler für die G8-Klassen zusammen bekämen. Die Überlegungen dazu sind noch nicht ausgereift.

Demnach würden vielfach geäußerte Befürchtungen, dass im Falle eines Regierungswechsels in Kiel die G9-Ausrichtung wieder zurück genommen werde, nicht auf G9-Schüler zutreffen. Das heißt: Die Schüler, die jetzt mit G9 beginnen, würden unabhängig von veränderten politischen Verhältnissen auch mit G9 ihre schulische Laufbahn beenden können?

So ist es. Übrigens ist Schleswig-Holstein nicht, wie oft behauptet wird, das einzige Bundesland, das G9 wieder eingeführt hat. Auch das rot-grüne Nordrhein-Westfalen lässt derzeit an 14 Gymnasien wieder G9 zu - vorerst befristet bis zum Schuljahr 2023/2024.

Die unerwartet hohen Anmeldezahlen bringen Sie in die Situation, mindestens 38 Schülern eine Absage erteilen zu müssen. Nach welchen Kriterien werden Sie da vorgehen? Spielen Zensuren eine Rolle?

Die Schulkonferenz an der Domschule hat am 28. März einen Katalog der Aufnahmekriterien verabschiedet. Denn unsere Aufnahmekapazität für den fünften Jahrgang ist auf vier Klassen mit je 29 Schülern begrenzt. Eine Ausweitung auf Fünfzügigkeit aber hat das Bildungsministerium beschlossen.

Und zu den Aufnahmebedingungen: Zensuren der Bewerber spielen dabei keine Rolle. Zu den Bewerbern, die auf jeden Fall bei uns aufgenommen werden, zählen alle Schüler mit melderechtli chem Wohnsitz in der Stadt Schleswig, ferner diejenigen, die ein Geschwisterkind bei uns haben. Auch Bewerber, die sich für den altsprachlichen Zweig anmelden, werden vorrangig behandelt. Ebenso Schüler, deren Lebensumstände eine Anmeldung für den neunjährigen Bildungsgang erforderlich macht, etwa weite Anfahrtswege. Vorrangig ausgewählt werden zudem Kinder mit einer nachgewiesenen Hochbegabung, da wir an der Domschule das Kompetenzzentrum Begabtenförderung eingerichtet haben.

Und wer wird nicht angenommen?

Bewerber, die an ihrem Wohnort eine gymnasiale Alternative außerhalb Schleswigs haben - etwa in Satrup, Eckernförde oder Kappeln. Und wenn am Ende immer noch zu viele Bewerber übrig bleiben, wird schließlich ein anonymisiertes Losverfahren entscheiden, wer aufgenommen wird. Spätestens am 5. April wird die Benachrichtigung mit der Post abgeschickt.

Warum, glauben Sie, wird es den Fünftklässlern unter G9-Bedingungen besser ergehen?

Ich bin kein fanatischer G8-Feind. Denn G8 klappt auch bei uns. Aber ein wichtiger Aspekt ist eben doch, dass bei G8 der Nachmittagsunterricht, mindestens einmal in der Woche , schon ab dem sechsten Jahrgang beginnt. Beim längeren Bildungsweg wird dagegen erst ab der neunten Klasse nachmittags unterrichtet. Und da 70 Prozent unserer Schüler aus dem Kreisgebiet kommen, mit teilweise doch recht langen Anfahrtswegen, schränkt das ihre Möglichkeiten durch G8 viel stärker ein, einen Ausgleich zum Schulleben zu finden.

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