Gema-Streit : Senioren wollen weitersingen

Vor laufender Kamera: Polit-Urgestein Wolfgang Börnsen, stellvertretender Bundesvorsitzender der Senioren-Union, im Gespräch mit Singkreis-Organisatorin Gesine Haupt.
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Vor laufender Kamera: Polit-Urgestein Wolfgang Börnsen, stellvertretender Bundesvorsitzender der Senioren-Union, im Gespräch mit Singkreis-Organisatorin Gesine Haupt.

Die Fahrdorfer Senioren atmen auf: Nachdem die Gema ihre Rechnung wegen vermuteter Urheberrechts-Verletzungen zurückgezogen hat, wollen die Damen weitersingen. Unterstützt werden sie von Ex-MdB Wolfgang Börnsen.

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15. Mai 2015, 07:45 Uhr

In der Auseinandersetzung mit der Gema (wir berichteten) bekommt der Senioren-Singkreis aus Fahrdorf prominente Rückendeckung: Wolfgang Börnsen, ehemaliger CDU-Bundestagsabgeordneter und langjähriger kulturpolitischer Sprecher seiner Fraktion, stärkt den Volkslieder singenden Damen den Rücken und fordert ein generelles Umdenken auf Seiten der „Gesellschaft für musikalische Aufführung- und mechanische Vervielfältigungsrechte“ (Gema). Am Mittwoch nahm Börnsen am Treffen in Fahrdorf teil, bei dem die Damen über die Zukunft ihres Singkreises beraten wollten – ein Treffen unter ganz besonderen Vorzeichen.

Gesine Haupt jedenfalls war die Aufregung anzumerken. Der kleine Café-Raum von Helga von Assel war bis auf den letzten Platz besetzt, auf den Tischen standen alte Porzellantassen, die sich die Singkreis-Teilnehmer jedes Mal aus dem Bestand aussuchen können, und Keksteller. Die Initiatoren des Singkreises wuselte zwischen den Tischen und zwei Kamerateams umher, bis sie um Punkt 15.45 Uhr „Es tönen die Lieder“ anstimmte und ihre Damen mitsamt Börnsen in den Kanon einfielen. „Eine Kanone zum Anfang“, sagte Haupt erleichtert, „das machen wir gern“. Das Lied ist unverdächtig, stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, Autor unbekannt.

Für andere Lieder gilt das nicht. Werden sie öffentlich aufgeführt, steht dem Künstler eine Gebühr zu, die von der Gema als Verwertungsgesellschaft erhoben wird. Weil der Singkreis aus Fahrdorf in unserer Zeitung angekündigt worden war, galt das Treffen für die Gema zunächst als öffentlich und die Damen wurden mit einer Rechnung überrascht. Als diese als Reaktion auf unsere Berichterstattung wieder zurückgezogen wurde, konnten zwar von Assel und Haupt wieder besser schlafen, der Sturm moralischer Entrüstung, der sich rasend schnell bundesweit in den sozialen Netzwerken und Medien ausbreitete, war jedoch nicht zu stoppen.

„Bei der Gema in Frankfurt muss aufgrund dieser Sache eine Grundsatzentscheidung her“, fordert Wolfgang Börnsen, der von dem Konflikt in Berlin erfahren hatte und sofort Kontakt mit Helga von Assel aufnahm. Was die Senioren in Fahrdorf organisiert hätten, sei eine „kulturelle Sozialleistung“, erklärt Börnsen. Etwas, das er in zunehmenden Maße beobachte: Dass Senioren für Altersgenossen etwas anbieten, weil es in der Gesellschaft sonst niemand tue. „Insofern ist davon auszugehen, dass es viele Fahrdorfs in Deutschland gibt. Und eins ist doch klar: Solche Veranstaltungen dürfen nicht besteuert werden“, so der ehemalige Bundestagsabgeordnete, der jetzt Landesvorsitzender und stellvertretender Bundesvorsitzender der Senioren-Union ist.

Den Damen versprach der Bönstruper Politrentner, sie würden in Zukunft so etwas nicht wieder erleben. Die Senioren-Union habe sämtliche Protestbriefe, die eingegangen seien („und das waren viele“), an Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) weitergeleitet. Maas sei zuständig für die Aufsicht des Deutschen Marken- und Patentamtes (DPMA), das wiederum die Tarife der Gema genehmige, betonte er. Auch mit der Gema selbst hat Börnsen Kontakt aufgenommen und sich für die Einführung einer Sonderregelung für Senioren stark gemacht.

Dort zeigt man sich für Gespräche offen. Gema-Sprecherin Gaby Schilcher: „Wir sind dialogbereit. Wenn sich jemand mit uns zusammensetzen möchte, gern.“ Einen speziellen Seniorentarif, wie ihn Börnsen vorgeschlagen habe, werde man allerdings nicht einführen können, so Schilcher, weil das dem Gleichbehandlungsgrundsatz widerspreche.

In Fahrdorf wurde bei Kaffee und Keksen kräftig weiter gesungen. Während Gesine Haupt Lied um Lied anstimmte und fröhlich bekundete, auf jeden Fall weiter machen zu wollen, stand Helga von Assel im Hintergrund, in Händen einen dicken Stapel ausgedruckter E-Mails aus den vergangenen Tagen mit Hinweisen auf altes deutsches Liedgut – garantiert Gema-freie Volkslieder. 

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