Auenwaldschule in Böklund : Senioren nehmen Schüler an die Hand

Stehen den Schülern in Böklund bei Problemen ehrenamtlich zur Seite: Helga Heiden (links) und Maria Twardzig.
Stehen den Schülern in Böklund bei Problemen ehrenamtlich zur Seite: Helga Heiden (links) und Maria Twardzig.

Ausgebildete Mediatoren geben bei Streit und anderen Problemen Hilfe zur Selbsthilfe / Auenwaldschule Böklund baut seit 2006 auf das Ehrenamt

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21. Januar 2015, 18:56 Uhr

Helga Heiden und Maria Twardzik haben ein langes Berufsleben hinter sich. Heiden, die in Schleswig lebt, arbeitete im Büro der Zuckerfabrik, bis diese vor zehn Jahren geschlossen wurde. Twardzik wohnt in Idstedt und war Angestellte in einem Steuerbüro. Jetzt sind beide im Ruhestand – und doch führt sie ihr Weg immer wieder in die Schule zurück.

Die beiden haben sich über den Verein „Seniorpartner in School“ (SiS) zu Schulmediatoren ausbilden lassen und sind seit einem Jahr ein eingespieltes Team. Jeden Mittwoch von 9 bis 12.10 Uhr finden die Schüler der Auenwaldschule in Böklund die Seniorinnen – Heiden ist 66, Twardzik 62 Jahre alt – in der ersten Etage in einem kleinen Raum: Hierher können alle Auenwald-Schüler, ob von der Grund- oder Gemeinschaftsschule, kommen, wenn sie Probleme haben – mit anderen Schülern, mit einem Lehrer oder zu Hause. Dienstags in derselben Zeit sind drei weitere Schulmediatoren im Einsatz. Das Angebot gibt es an der Schule bereits seit neun Jahren. „Wir schenken den Kindern Zeit und Aufmerksamkeit“, sagt Twardzik.

Zwar gibt es an der Schule jugendliche „Konfliktlotsen“ und auch einen Schulsozialarbeiter, doch Schulleiterin Gerhild Westphal sagt: „Die Mediatoren sind für uns ein Geschenk, sie füllen eine Lücke.“ Sie erklärt: „Es ist schön, wenn sich die Schüler an Erwachsene wenden können, die nicht Teil des Lehrkörpers sind, und die älter sind als ihre eigenen Eltern.“ Lehrer seien zwar in Konfliktlösung geschult, „aber Mediation ist etwas anderes. Bei den Senioren sind die Schüler in bestimmten Fällen in kompetenteren Händen“.

Heiden und Twardzik haben eine Menge zu tun – nicht, weil es an der Schule so viele Konflikte gibt, sondern weil die Schüler das Angebot so sehr schätzen. Die beiden haben, als sie im Ruhestand waren, eines Tages von „Seniorpartner in School“ erfahren – und fühlten sich gleich angesprochen, absolvierten eine zehntägige Mediatoren-Ausbildung. Bei den Fällen, mit denen sie sich beschäftigen, geht es nicht immer gleich um Mobbing oder ähnlich schlimme Probleme. Meist sind es kleinere Streitigkeiten, die manchem Schüler aber schwer zu schaffen machen. „Ein Kind wird zum Beispiel während der Busfahrt immer geärgert, oder die Freundin eines Mädchens sagt einen Tag, ,ich bin deine Freundin’, und am nächsten ist sie es plötzlich nicht mehr – das können Gründe sein, warum Schüler zu uns kommen“, berichtet Heiden. „Wir sagen den Schülern aber nicht, ,tu dies oder das, um dein Problem zu lösen’, das wäre keine Mediation“, erklärt Twardzig. „Wir leiten sie an, ihre Probleme selbst zu lösen. Denn unser Ziel ist es, sie zu stärken, ihnen einen möglichen Weg lediglich aufzuzeigen.“ Heiden ergänzt: „Zuerst erzählen uns die Kinder ausführlich, was sie bedrückt, allein das hilft meist schon sehr, dadurch klärt sich vieles.“ Die Schüler können anhand von Lego-Figuren auch Szenarien aufbauen und ihr Problem nachspielen.

Egal, worum es geht – wichtig ist laut Heiden und Twardzig die Anleitung zur gewaltfreien Konfliktlösung, nicht das Vorgeben der nächsten Schritte. Zu zweit arbeiten sie, „weil vier Ohren mehr hören als zwei“, so Twardzig. Ihr Alter sei ein Vorteil: „Wir sind ja selbst Großeltern, sind gelassener, und haben in unserem Alter andere Sichtweisen auf Probleme.“

Edith Lüdke, die seit 2006 Schulmediatorin ist und jetzt die Arbeit von SiS an den Schleswiger Schulen sowie in Böklund und Jübek betreut, weiß, wie wichtig vielen Schulen das Engagement der ehrenamtlich tätigen Senioren inzwischen ist: „Am Anfang musste ich noch Klinken putzen gehen, fragen: ,Wollt ihr mich?’ Mittlerweile möchten einige Schulen am liebsten jeden Tag eine Schulmediatoren-Sprechstunde anbieten.“ Dafür aber gebe es noch zu wenige Senioren. Die Anzahl im Kreisgebiet, etwas über 20, sei für SiS aber immerhin ein Höchststand.

Twardzig und Heiden sind ein wichtiger Teil des Schul-Teams, aber: „Der Schulsozialarbeiter und wir nehmen uns auf keinen Fall das Futter weg“, sagen die beiden. Man ergänze sich. Ein Schulsozialarbeiter hat laut Schulleiterin Westphal zudem ganz andere Verpflichtungen, Aufgabenbereiche und Befugnisse. Er ist hauptamtlich beschäftigt, eher dem Lehrerkollegium zuzuordnen, führt mit Schülern Kompetenztrainings durch, wird in Erziehungsberatung einbezogen und nimmt wenn nötig sogar Kontakt mit dem Jugendamt auf. Die Schulmediatoren arbeiten aber völlig unabhängig, und sind absolut verschwiegen. Lediglich, wenn es um Gewalt, Drogen oder Waffen geht, nehmen sie Kontakt zur Schulleitung auf.

Wichtig ist, dass die Schüler absolut freiwillig zu den Schulmediatoren gehen. Zwar hat auch Westphal Schülern schon empfohlen, die Mediatoren doch einmal zu besuchen, sie würde sie aber niemals dorthin zitieren.

Die Schulleiterin sagt: „Die Schulmediatoren sind eine segensreiche Begleitung, die die Schüler von den Lehrern und auch zu Hause so nicht erfahren.“ Heiden und Twardzig macht ihre ehrenamtliche Aufgabe eine Menge Spaß. Twardzig: „Zu sehen, wie ein Kind seine Ressourcen selbst aktiviert und ein Problem, das unlösbar schien, plötzlich selbst löst, sich riesig freut – das ist ein tolles Gefühl.“

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