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Aus dem Schleswiger Amtsgericht : „Selten so viel wirres Zeug gehört“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Große Zweifel an Aussagen von zwei Wohnheim-Bewohnern: 22-jährige Schleswigerin vom Vorwurf des Drogenhandels freigesprochen.

von
erstellt am 23.Feb.2017 | 07:20 Uhr

Nach Aktenlage sah es nach einer klaren Sache aus. Zwei Zeugen hatten bei der Polizei angegeben, sie hätten bei einer 22-jährigen Schleswigerin Marihuana und Amphetamine gekauft. Die Staatsanwaltschaft ließ Milde walten. Die junge Mutter bekam per Strafbefehl lediglich eine Verwarnung.

Sie hätte die Sache damit auf sich beruhen lassen können. Tat sie aber nicht. Sie legte Einspruch ein, und so musste sie gestern zur Strafverhandlung im Amtsgericht erscheinen. Richter Florian Müller-Gabriel machte ihr deutlich, dass sie nun höchstwahrscheinlich mit einer deutlich härteren Strafe als einer Verwarnung rechnen müsse, wenn sich der Vorwurf der Staatsanwaltschaft erhärten sollte. Dennoch: Die Angeklagte wollte diese Strafverhandlung. Sie wollte einen Freispruch – und den bekam sie am Ende auch. Es zeigte sich, dass die belastenden Aussagen aus den Akten, auf die die Anklage aufbaute, wertlos waren.

Bei den Belastungszeugen handelte es sich um Bewohner einer betreuten Wohneinrichtung für junge Erwachsene – ein 24 Jahre alter Mann und eine 23 Jahre alte Frau. Vor ungefähr einem Jahr war bei ihnen der routinemäßige Drogentest positiv ausgefallen. Der Erzieher verständigte die Polizei. Die beiden jungen Leute wurden zur Polizei zitiert. Auf die Frage, woher sie ihre Drogen bekommen hätten, nannten sie den Namen der Frau, die nun auf der Anklagebank saß.

Die Angeklagte aber beteuerte, mit der Sache nichts zu tun zu haben. Ihre angebliche Kundin kenne sie nur flüchtig, sie sei nur ein einziges Mal in ihrer Wohnung gewesen – eine Bekannte einer guten Freundin. Den Mann hingegen habe sie noch nie gesehen.

Die Aussage dieses Mannes dauerte fast eine Dreiviertelstunde – und danach gab es mehr Unklarheiten als vorher. Sechs oder sieben Mal sei er in der Wohnung der Angeklagten gewesen, sagte er. Wo die Wohnung genau war, wisse er aber nicht mehr. „Das ist ewig her. Ich wohne jetzt wieder in Kiel. Mit Schleswig hab’ ich nichts mehr am Hut.“ Verteidiger Holger Ley hakte nach. Wie sah die Wohnung aus? Wie war das Wohnzimmer eingerichtet? Der Zeuge schwieg einen Moment. Dann sagte er: „Da stand ein Sofa, ein großes Sofa.“ Und die Küche? „Da gab es ein Fenster.“

Der Mann wirkte auch sonst immer wieder konfus. Ihm schien nicht einmal ganz klar zu sein, ob er als Zeuge oder als Angeklagter vor Gericht stand. Die Staatsanwältin hielt ihm zunächst zwar zugute, dass sein Erinnerungsvermögen in Folge seines Drogenkonsums beeinträchtigt sein könnte, verlor dann aber doch die Geduld. Nach einer kurzen Sitzungsunterbrechung änderte der Mann seine Aussage. Er sei nie in der Wohnung der Angeklagten gewesen und habe sie auch noch nie gesehen. Als der Richter dann aber fragte, wie er auf den Namen dieser ja anscheinend unbescholtenen Frau gekommen sei, sagte er: „Den Namen wusste ich, weil er auf dem Klingelschild stand.“

Die zweite Zeugin blieb selbst unter Eid standhaft bei ihrer Aussage, Marihuana bei der Angeklagten gekauft zu haben („Sehr günstig, für einen Fünfer pro Gramm.“). Einzelheiten konnte aber auch sie nicht berichten. „Selten habe ich so viel wirres Zeug gehört“, befand Richter Müller-Gabriel am Ende – und sprach die Angeklagte, die zwischenzeitlich in Tränen ausgebrochen war, frei. „Der Nachweis der Tat ist nicht erfolgt“, erklärte er. Den Zeugen sagte er, sie müssten nun ihrerseits mit staatsanwaltlichen Ermittlungen rechnen – wegen falscher Verdächtigung und wegen Meineids.

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