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Aus dem Schleswiger Amtsgericht : „Selbstjustiz“ im Altenheim

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Pflegerin fesselte Patientin ans Bett – und bekommt eine Geldstrafe auf Bewährung.

von
erstellt am 25.Feb.2017 | 07:04 Uhr

Ungewohntes Bild auf der Anklagebank des Schleswiger Amtsgerichts: Dort, wo meist Strauchdiebe, Schläger, Drogendealer und andere junge Männer Platz nehmen, saß eine gepflegte Dame von 58 Jahren. Die Staatsanwaltschaft warf ihr Freiheitsberaubung vor. Die examinierte Altenpflegerin hatte im vergangenen Jahr in einem Altenheim in Stapelholm eine Bewohnerin in der Nacht mehrfach ans Bett gefesselt und einen anderen Bewohner in seinem Zimmer eingesperrt.

Eine Kollegin hatte sie dabei ertappt und Fotos gemacht. Die Folgen waren eine fristlose Kündigung und eine Anzeige bei der Polizei. „Ich konnte noch am selben Tag meine Sachen packen“, sagte die Angeklagte, die damals erst seit einem Jahr in dem Heim tätig war und zuvor unter anderem 20 Jahre lang als Krankenschwester im Schleswiger Martin-Luther-Krankenhaus gearbeitet hatte. Sie stellte sich als Opfer der schwierigen Arbeitsbedingungen in der Pflege dar. Weil zuvor vier andere Mitarbeiterinnen das Haus verlassen hätte, hätte sie die Anweisung gehabt, die Frühschicht zu entlasten. Gemeinsam mit einer Hilfskraft hätte sie dafür sorgen müssen, dass die Bewohner zum Schichtwechsel um 6 Uhr am Morgen bereits gewaschen seien. „Dazu mussten wir die Leute um 3 Uhr in der Nacht aufwecken, das war unmenschlich“, sagte sie.

Dies ist eine Darstellung, die von der Heimleitung auf SN-Nachfrage bestritten wird. Dort verweist man auf die zweimal jährlich stattfindende Überprüfung durch den medizinischen Dienst der Kranken- und Pflegeversicherung, die stets ohne Beanstandungen geblieben sei. Das war in der Gerichtsverhandlung indes kein Thema. Weil die Angeklagte bereits im Vorfeld ein umfassendes Geständnis abgelegt hatte, wurden keine Zeugen mehr verhört.

Die Angeklagte beschrieb, wie sie sich insbesondere mit zwei der rund 60 Heimbewohner überfordert gefühlt hatte. Eine demente Frau habe sich immer wieder mit ihrem eigenen Kot eingeschmiert. Auch andere Kolleginnen hätten diese Frau deshalb „in ein etwas gestärktes Betttuch eingewickelt“. Ein Mann, der an dem Korsakow-Syndrom leidet, habe in der Nacht oft sein Zimmer verlassen und andere Bewohner gestört.

Er wisse zwar von der hohen Arbeitsbelastung, mit der viele Menschen, die in Pflegeberufen arbeiten, zu kämpfen hätten, sagte Richter Florian Müller-Gabriel, dies gebe der Angeklagten aber nicht das Recht, sich über das Gesetz hinwegzusetzen. „Was Sie getan haben, war illegal.“ Statt „Selbstjustiz“ zu üben, hätte die Altenpflegerin direkt oder über die Heimleitung Kontakt zu den rechtlichen Betreuern der betreffenden Bewohner aufnehmen können. Auf diese Weise, so der Richter, wäre es möglich gewesen, eine Genehmigung für Maßnahmen wie das Fixieren ans Bett zu bekommen.

Vor diesem Hintergrund folgte er dem Antrag der Staatsanwaltschaft, die Angeklagte lediglich zu verwarnen. Eine Geldstrafe in Höhe von 2000 Euro muss sie nur zahlen, wenn sie in den nächsten zwei Jahren erneut einschlägig straffällig wird.

Die 58-Jährige hat inzwischen eine neue Anstellung in einem anderen Seniorenheim gefunden. Dort sei sie nicht wieder in die Situation gekommen, Bewohner zu fesseln oder einzusperren. „Wenn es jetzt schwierig wird, kann ich jederzeit Hilfe vom Heimleiter bekommen“, sagte sie. „Oder ich stelle zur Beruhigung den Fernseher im Zimmer an oder lege eine CD ein.“

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