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Interview : Seenotretter: „Viele Segler unterschätzen die Schlei“

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Paul Cugier, Vormann der Schleswiger Seenotretter, warnt vor den Gefahren im Wasser. Und erklärt, wo man im Notfall Hilfe bekommt.

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erstellt am 20.Mai.2016 | 14:24 Uhr

Schleswig | Jeden Frühling erwacht auch das Leben auf der Schlei aufs Neue. Die Segelboote haben ihr Winterlager verlassen und drehen wieder ihre Runden, die Ausflugsboote sind unterwegs und auch die Kanuten und Ruderer wagen sich wieder raus aufs Wasser.

Hochsaison auch für die Besatzung der Schleswiger Station der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS). Erst an Pfingsten starb ein Mann auf der Schlei bei Maasholm, weil er bei starkem Wind über Bord ging. Was die 18 Frauen und Männer, die zu der Truppe gehören, auf der Schlei alles zu tun haben, und was dieses Ehrenamt so attraktiv macht, erzählt Vormann Paul Cugier (72) im Interview mit dem sh:z.

Herr Cugier, an Pfingstmontag mussten Ihre Kollegen in Maasholm einen toten Segler aus der Schlei bergen. Wie sieht es in Schleswig aus? Hatten Sie in diesem Jahr – wenn auch nicht in diesem schrecklichen Maße – auch schon die ersten Einsätze?

Cugier: Ja, allerdings ging es hier schon im Winter los. Im Februar mussten wir auf der Kleinen Breite einen Kitesurfer retten. Der hatte es nicht mehr geschafft, seinen Schirm in die Luft zu bekommen und trieb schon länger im Wasser. Da hilft auch der beste Neoprenanzug nicht mehr viel. Am Ende konnten wir ihn einsammeln, und er kam mit einer starken Unterkühlung davon. Aber wir hatten auch schon den einen oder anderen kleineren Einsatz. Unter dem Strich kann man sagen: Im Frühling und Sommer ist sicherlich am meisten los. Wir müssen aber das ganze Jahr hindurch immer mal wieder raus.

Was macht die Schlei zu einem gefährlichen Gewässer für Wassersportler?

Viele unterschätzen sie schlicht und einfach. Aber die Schlei ist wie ein Wattenmeer. Wir haben hier eine sogenannte Windtiede, die – je nachdem, ob der Wind tagelang kräftig aus West oder Ost bläst – das Wasser entweder eineinhalb Meter sinken oder steigen lassen kann. Das macht dann einen Unterschied von drei Metern. Insbesondere in den Flachwasserbereichen ist das natürlich gefährlich. Da fährt man sich schnell fest. Deswegen ist die Schlei ein Gewässer, auf dem man sich nicht nur über die schöne Landschaft mit den gelben Rapsfeldern erfreuen sollte, sondern auch wirklich konzentriert navigieren muss. Wenn der Wind dann auch noch, wie an manchen Tagen, so stark bläst, dass wir auf der Großen und Kleinen Breite Wellen bis zu einem Meter Höhe haben, wird es besonders knifflig.

Und wenn ich doch mit meinem Segelboot auf Grund gelaufen bin: Wie verhalte ich mich am schlausten?

Am besten, man holt sofort die Segel ein und ruft uns über unsere Zentrale in Bremen (Telefon: 0421/536870; Anmerk. d. Red.) oder den Notruf 112. Viele Segler machen leider den Fehler und sind erstmal zu stolz, um Hilfe zu rufen. Dann versuchen sie, ihr Boot selbst zu befreien und machen es dadurch noch schlimmer.

Außer Boote freizuschleppen: Wie sieht ein typischer Einsatz für Ihre Truppe sonst noch aus?

Den typischen Einsatz gibt es nicht. Ich sage immer: Es gibt nichts, was es nicht gibt. Von gekenterten oder brennenden Booten bis hin zu solchen, die verlassen auf der Schlei treiben, hatten wir schon alles. Hinzu kommen Badeunfälle oder auch Einsätze, weil jemand versucht, sich das Leben zu nehmen. Oder neulich haben wir erst nach einem Leichtflugzeug gesucht, das angeblich in die Schlei gestürzt sein sollte. Zum Glück hat sich das als Falschmeldung herausgestellt. Am Ende kommen wir so jedes Jahr auf rund 30 Einsätze. Und bei jedem einzelnen muss die Mannschaft innerhalb von zehn Minuten nach Eingang des Notrufs startklar auf unserem Seenotrettungskreuzer stehen.

Wie ist die Schleswiger DGzRS-Station dafür personell ausgestattet?

Wir sind in vier Mannschaften mit jeweils vier Mitgliedern aufgeteilt. Hinzu kommen zwei Reservisten. In jeder Einsatzgruppe, die jeweils eine Woche lang von Montag bis Montag 24 Stunden am Tag erreichbar sein muss, gibt es einen Bootsführer und einen Sanitäter. Sie alle sind natürlich bestens geschult und müssen ihr Wissen und Können ständig auffrischen. Da gehören der Sportbootführerschein See und das Funkerzeugnis ebenso dazu wie regelmäßige Übungsfahrten, Erste-Hilfe-Kurse und spezielle DGzRS-Fortbildungen.

Sie selbst sind in Düsseldorf aufgewachsen, sind jetzt aber seit 17 Jahren Vormann der Schleswiger Seenotretter. Woher kommt diese Leidenschaft?

Ich bin als Soldat über die Marine in den Norden gekommen und 1972 bei den Pionieren auf der Freiheit in Schleswig gelandet. Seitdem lebe ich hier, seit 22 Jahren auch als Mitglied der DGzRS. Ich mag an dieser Aufgabe die Mischung aus Maritimem und Technik. Hinzu kommt die Gemeinschaft in der Gruppe und wahrscheinlich auch ein ausgeprägtes Helfersyndrom. Es macht einfach Spaß – sonst würde ich sicherlich nicht jeden Tag von meinem Zuhause im Hafengang hierher zu unserer Station kommen. Denn auch hier gibt es immer eine Menge zu tun.

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