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Schulen im Kreis Schleswig-Flensburg : Schutzlos im Netz: „Mobbing ist ein Problem“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Cybermobbing ist an Schulen im Kreis ein ernstes Problem. Ein Aktionstag am 2. Dezember soll sensibilisieren und Lösungswege aufzeigen.

Mit einem Nacktfoto, das sie als Zwölfjährige blauäugig an einen Bekannten verschickte, begann es, mit dem Tod endete das Cybermobbing gegen Amanda Todd. Einen Monat vor ihrem 16. Geburtstag erhängte sich der Teenager. „Ich habe niemanden. Ich brauche jemanden. Mein Name ist Amanda Todd“, mit diesen drei Sätzen beendete die Kanadierin ihre Leidensgeschichte auf Youtube. Sie filmte sich mit Karteikarten, erzählte der Welt stumm von den Cybermobbing-Attacken, denen sie über Jahre ausgesetzt war. Ihre Bilder kursierten im Netz, zurückdrehen konnte sie das Rad nicht. Ihre Klassenkameraden hänselten sie, schickten Droh- und Schmähmails. Die stummen Videos der Amanda Todd erregten im Netz große Aufmerksamkeit, waren jedoch für sie kein Ausweg. Nur ein letzter verzweifelter Hilfeschrei.

Kanada ist weit weg, im Internet aber nebenan, in Deutschland, in Schleswig-Holstein und in jedem Dorf im Kreis Schleswig-Flensburg – Cybermobbing kennt keine geografischen Grenzen. Das Hänseln, Abwerten, Beschimpfen und Bedrohen auf dem internetfähigen Handy ist in Klassenräumen und auf Schulhöfen zwischen Flensburg und Kropp, Kappeln und Erfde an der Tagesordnung. Facebook und WhatsApp machen Smartphones zur psychologischen Waffe in den Händen von unreifen Tätern, die die Konsequenzen ihres Handelns in den meisten Fällen gar nicht absehen können. Nicht nur viele Lehrer, sondern vor allem auch Eltern stehen dem hilflos gegenüber. „Als wäre eine Bombe explodiert!“, beschreibt Roland Storjohann die jüngste Entwicklung. Er leitet den schulpsychologischen Dienst des Kreises und weiß: Der Fall Amanda Todd kann sich immer und überall wiederholen.

Um auf das Thema aufmerksam zu machen, haben er und seine Mitstreiter den diesjährigen Anti-Mobbing-Tag, der vom Kreis Schleswig-Flensburg ausgehend inzwischen landesweit etabliert ist, unter das Motto „Cybermobbing“ gestellt. „Wie können wir unsere Kinder schützen?“ Diese Frage lasse sich nur beantworten, wenn man es schaffe, neben den Kindern selbst auch die Schulen und die Eltern für die vielschichtigen Facetten des Problems zu sensibilisieren.

Entscheidend ist nach Ansicht von Storjohann und Tobias Morawietz, Jugendschutzbeauftragter des Kreises, dass Schulen und Eltern ins Boot geholt werden. Noch sei es vielfach so, dass sich die Schulen beim Cybermobbing für nicht zuständig erklären und auf den privaten Bereich verweisen, während die Eltern ihrerseits sagen, die Schulen sollten die Probleme lösen, weil sie dort schließlich maßgeblich auftreten. „Das daraus resultierende Vakuum müssen wir gemeinsam füllen“, so Storjohann. Und zwar schnell, denn seit Smartphones mit permanentem Internetzugang, Kamera- und Filmfunktion ihren Siegeszug angetreten haben, habe das Cybermobbing nicht nur dramatisch zugenommen, sondern auch neue Formen angenommen.

So seien fast alle Schüler über soziale Netzwerke wie WhatsApp permanent im Austausch miteinander. Es werden Gruppen gebildet. „In diesen Gruppen wird aufs Heftigste abgelästert“, so Storjohann. Durch die fehlende emotionale Rückmeldung im Schriftverkehr fielen dann jegliche Hemmschwellen, ergänzt Morawietz – die Sprache sei vulgär, die Inhalte seien oft nicht altersgerecht. Gewalt, Sex – eine freiwillige Selbstkontrolle wie im Kino hat im Internet keine Chance. Und das wird von den Kindern ausgenutzt. Selbst Zwölfjährige tauschen auf dem Schulhof via Bluetooth Gewaltbilder, Videos von Enthauptungen aus, auch Pornos machen nach den Erkenntnissen der Fachleute die Runde. Storjohann: „Und wer nicht mitmachen will, gilt als Weichei.“ Und wird leicht zum Opfer.

Harter Stoff auf dem Handy, das sei für die Kinder wie eine Mutprobe. Das gleiche gelte für einen zweiten, nicht minder problematischen Bereich, das so genannte Sexting. Die Schüler tauschen nicht nur schlüpfrige Textnachrichten aus, sondern zum Teil auch Nacktfotos von sich und anderen – bis hin zu privatem pornografischen Material. „Das kann sich in wenigen Minuten in der ganzen Schule verbreiten – wenn die Vertrautheit, in der das Material entstand, verschwindet. Viele haben da überhaupt kein schlechtes Gewissen“, hat Storjohann festgestellt.

Um das Problem anzugehen, müsse zunächst das Bewusstsein dafür geweckt werden, dass Mobbing nicht nur ein Problem anderer ist, sondern auch der eigenen Schule. Erst dann könne man das Problem offensiv angehen, wissen die Experten. Bei Null müssen die Schulen im Kreis nicht anfangen. Nach Angaben von Morawietz wurden in einem eigens initiierten Projekt bereits 60 Mobbingberater ausgebildet, die an den Schulen helfend und beratend bereitstehen. Dass dies nicht ausreicht, sagt Storjohann, sei klar, denn: „Das Phänomen Cybermobing haben wir an fast jeder Schule.“

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