zur Navigation springen
Schleswiger Nachrichten

11. Dezember 2017 | 22:33 Uhr

Schleswiger Grundschulen : Schreiben ohne Regeln?

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Rechtschreibung kommt später – dieses umstrittene Prinzip gilt für Erstklässler an der Hiort-Lorenzen-Schule. An den an übrigen Schleswiger Grundschulen geht man andere Wege.

shz.de von
erstellt am 10.Dez.2013 | 12:00 Uhr

SchleswiG „Die Kinder sollen die Lust am Schreiben nicht gleich verlieren. Sie sollen stolz auf ihr Geschriebenes sein“, sagt Wiebke Ernst, Lehrerin an der dänischen Hiort-Lorenzen-Schule. Sie korrigiert die Rechtschreibfehler ihrer Schüler in den ersten Jahren nicht. Das würden die Schüler als Niederlagen in der Schule verbuchen,  meint sie. Das Konzept heißt „Børnestavning“, also Kinderbuchstabieren. Es ähnelt stark einer Lernmethode, die unter Norddeutschlands Eltern seit einiger Zeit für Aufregung sorgt: „Lesen durch Schreiben“.  In Hamburg fordern einige Politiker sogar ein Verbot dieses Ansatzes. Dieser sei nicht  mit den  Bildungsplänen vereinbar,  sagte Schulsenator Ties Rabe vor ein paar Tagen dem Hamburger Abendblatt.  Die  Kinder  schreiben in den ersten Jahren so, wie sie die Wörter hören. Die Lehrer korrigieren sie nicht.  Die korrekte Rechtschreibung lernen sie erst später.

Auch in Schleswig-Holstein ist das Lesen- und Schreibenlernen ein heiß diskutiertes Thema. Zuletzt auf einem Bildungsforum des Instituts für Qualitätsentwicklung an Schulen in Schleswig-Holstein (IQSH). Dessen Direktor Thomas Riecke-Baulecke hält ein Verbot der Methode für „kompletten Unsinn“ – nicht etwa, weil er den Ansatz unterstützt, sondern vielmehr, weil er in Schleswig-Holstein keine Schule kennt, die „Lesen durch Schreiben“ in Reinform anwendet. „Das ist so nicht existent“, kommentierte er und beschrieb damit, wie auch die Praxis an den deutschen Schleswiger Grundschulen aussieht.

 Anders als ihre Kollegen an der Hiort-Lorenzen-Schule macht es Margitta Koerner. Die Rektorin der Schule Nord hält wenig von der umstrittenen Methode, sieht sie jedoch nicht so negativ wie viele Kritiker. Sie berichtigt ihre Schützlinge von Anfang an, damit sie ein Rechtschreibbewusstsein entwickeln und sich keine falsch geschriebenen Wörter einprägen. „Kritiker sagen mir, ich würde die Kinder damit ausbremsen, aber ganz ehrlich: Das Korrigieren ist denen völlig egal.“

Wie Abc-Schützen Lesen und Schreiben lernen, ist in Schleswig nicht nur von Schule zu Schule, sondern teils auch von Lehrer zu Lehrer unterschiedlich. Umlauttabellen, Fibeln oder sogar Lautgebärden, mit deren Hilfe jeder einzelne Buchstabe mit einer erklärenden Bewegung verknüpft und dabei visuell verankert wird, kommen zum Einsatz. Häufig halten sich die Lehrer dabei nicht an eine Methode, sondern bedienen sich Mischformen, welche die Vorteile von mehreren Ansätzen kombinieren.

Für Koerner ist eines entscheidend: „Ich als Lehrer muss die Methode gut finden. Wenn ich dahinterstehe, kann ich das auch gut vermitteln“ – so wie die Lehrer an der dänischen Grundschule, die seit Jahren gute Erfahrungen mit ihrer Herangehensweise gemacht haben.

Dass  „Lesen durch Schreiben“  erst jetzt plötzlich so heftig umstritten ist, wundert die Leiterin der Schule Nord ein wenig.  Die  Methode sei vor zehn bis 20 Jahren modern gewesen. Hilfreich sei die Debatte um die verschiedenen Lernkonzepte trotzdem: „Alle haben ihre Vor- und Nachteile. Diskutieren ist immer gut – das bewegt was und regt zum Nachdenken an.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen