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Streitthema Windenergie : Schnarup-Thumby – Das gespaltene Dorf

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

600 Menschen wohnen in Schnarup-Thumby, eigentlich ein idyllisches Dorf. Bis die Windräder kamen.

shz.de von
erstellt am 30.Aug.2014 | 23:30 Uhr

Schnarup-Thumby | Als die ersten Windenergieanlagen im 600 Seelendorf Schnarup-Thumby gebaut wurden, dachte niemand daran, dass dieses Thema einmal das Dorf entzweien könnte. 1991 hatte Landwirt Hartmut Mügge als einer der ersten im Kreis in Sichtweite seines Hofes im Ortsteil Schnarup eine erste Anlage mit einer Leistung von 160 Kilowatt aufgestellt. Zwei weitere Anlagen mit jeweils 600 Kilowatt Leistung folgten im Halbjahresabstand. Die Gemeinde bemühte sich in diesem Zeitraum zwar um Ausweisung neuer Windenergieeignungsflächen, hatte damit aber keinen Erfolg.

Die Gemeindevertretung stand deshalb der Idee von Investoren aus den Nachbargemeinden positiv gegenüber, im Rahmen des Repowering einen Windpark im Ortsteil Schnarup zu errichten. Fünf Windenergieanlagen mit je drei Megawatt Leistung und einer Gesamthöhe von 150 Metern waren geplant. Eine Anlage davon sollte als Bürgeranlage freigegeben werden.

Diese Idee stellten die Investoren auf einer Einwohnerversammlung im Juni 2011 vor. Etwa 60 Bürger hörten zu. Fragen gab es hauptsächlich zu den finanziellen Möglichkeiten.

Das änderte sich auf einer Informationsveranstaltung, die etwa zehn Tage später von einer neu gegründeten „Bürgerinitiative zum Erhalt der Lebensqualität in Schnarup-Thumby“ abgehalten wurde. Die Zuhörerzahl war auf 100 gestiegen. Die Nachteile der riesigen Anlagen kamen aufs Tapet: Geräusch- und Lichtbelästigung, Schattenwurf, Infraschall, Wertverlust von Immobilien. Auch Planungsfehler wurden aufgedeckt. Angst um Gesundheit und Alterssicherung machte sich bei den Betroffenen breit.

Pastor Christoph Tischmeyer mahnte bereits damals vor zu starker Überbewertung des finanziellen Aspekts und fragte rhetorisch: „Wieviel ist eine intakte Dorfgemeinschaft in Euro wert, wenn man sie gegen zukünftige Unruhe in der Gemeinde aufrechnet?“ Bürgermeister Martin Thomsen zeigte sich angesichts der starken Gegenströmung überrascht. Er plädierte aber dennoch für den Windpark, dessen Gewerbesteuereinnahmen der Gemeinde die Möglichkeit gäben, als Einzelgemeinde weiter zu existieren. Als Antwort auf die in der Gemeinde steigende Unruhe, besserten die Investoren nach. Die Anlagen sollten von fünf auf vier reduziert werden, die Gewerbesteuer zu 100 Prozent nach Schnarup-Thumby fließen und die Minimalabstände von 400 auf 650 Meter vergrößert werden. Außerdem wollten die Investoren für die Lebensdauer der Anlagen die freiwilligen Leistungen der Gemeinde übernehmen.

Dieses Angebot wurde von den Windriesengegnern als unseriös abgelehnt. Die Mandatsträger jedoch blieben bei ihrer Zustimmung. In einer internen Abstimmung waren sieben dafür und nur zwei dagegen. Einen von der Gemeindevertretung initiierten Bürgerentscheid lehnte Bürgermeister Thomsen zu diesem Zeitpunkt ab. „Ich bin gewählt worden, um Entscheidungen zum Wohle des Dorfes zu treffen und lasse mir dieses Recht aber auch diese Pflicht nicht aus der Hand nehmen“, sagte er in der Oktobersitzung der Gemeindevertretung. Einen Monat später gab dieses Gremium aber nach, da bei einem positiven Entscheid ein Bürgerbegehren eingeleitet worden wäre. Der Termin für den Entscheid wurde aus verwaltungstechnischen Gründen sechs Monate in die Zukunft auf den 6. Mai des nächsten Jahres gelegt – den Termin der Landtagswahl.

„Es ist wichtig, den Frieden in die Gemeinde zurückzuholen – manche Bürger grüßen sich schon nicht mehr“, sagte Bürgerin Susanne Fritz. Und durch die lange Wartezeit vertieften sich die Gräben. Nachbarn wechselten die Straßenseite, Einladungen wurden nicht mehr ausgesprochen oder angenommen. Und selbst bei öffentlichen Anlässen wurden die Auseinandersetzungen persönlich. Die Bürgerinitiative verlor das letzte Vertrauen in die Gemeindevertretung, als diese versuchte, das Repoweringgebiet als Windenergienutzungsfläche in den Regionalplan aufnehmen zu lassen. Damit wäre das Bürgerbegehren ausgehebelt gewesen. Man sammelte dazu in drei Stunden 98 Unterschriften und leitete ein Bürgerbegehren ein.

Die Stimmung im Dorf war auf dem Tiefpunkt. Drei Gemeindevertreter traten angesichts dieser Turbulenzen zurück. Ein Versuch von Bürgermeister Thomsen, die Situation durch Rücknahme des Antrags zu retten, scheiterte an den Ratskollegen, die diesen Antrag mit Stimmengleichheit ablehnten. Beide Bürgerentscheide fielen bei hoher Wahlbeteiligung mit deutlichen Mehrheiten gegen die Windkraft aus. Damit war das Thema für zwei Jahre vom Tisch. Als direkte Konsequenz wurden drei Mitglieder der Bürgerinitiative in die Gemeindevertretung gewählt.

Doch die Narben blieben und könnten jetzt wieder aufgerissen werden: Die eingangs erwähnten drei Windenergieanlagen aus den Jahren 1991 bis 1993 sollen jetzt im Rahmen des Repowering durch eine 3-Megawatt Anlage im Ortsteil Schnarup ersetzt werden. Antragssteller Mügge und der beratende Ingenieur stellten in der letzten Gemeindevertretersitzung die Pläne im Detail vor. Eine weitere Beratung mit entgegengesetztem Vorzeichen soll am 22. September, der endgültige Beschluss am 29. September erfolgen. Doch Antragsteller Mügge will von sich aus den Dorffrieden erhalten. „Falls sich ähnliche Zustände wie vor drei Jahren andeuten, ziehe ich lieber meinen Antrag zurück“, erklärte er.
 

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