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Landesförderzentrum sehen : Schnalzend die Welt entdecken

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Der Amerikaner Daniel Kish hat das System der menschlichen Echo-Ortung perfektioniert: Jetzt gab er in Schleswig sein Wissen an blinde Schüler weiter.

von
erstellt am 27.Mai.2014 | 12:45 Uhr

Jana ist ein Fledermauskind. Zumindest ist die Zwölfjährige auf dem besten Weg, eines zu werden. Klingt zwar komisch, ist aber ganz ernst gemeint. Denn bis gestern hat die blinde Lübecker Schülerin vier Tage am Landesförderzentrum Sehen (LFS) in Schleswig verbracht – mit dem Ziel, die Technik der menschlichen Echo-Ortung zu erlernen. Gelingt das, wird das Mädchen künftig deutlich selbstständiger – und selbstverständlicher – durchs Leben gehen.

Das zumindest verspricht Daniel Kish. Der 49-jährige ebenfalls blinde Kalifornier war gemeinsam mit seinem Kollegen Juan Ruiz von Freitag bis gestern in Schleswig, um den Schülern das von ihm perfektionierte Klicksonar näherzubringen. Kish hat vor Jahren die Non-Profit-Organisation „Word Access for the Blind“ gegründet und tourt seitdem durch die ganze Welt („Zu Hause bin ich eher selten“), um blinden Menschen, in den meisten Fällen Kindern, zu zeigen, wie man sich mit Hilfe von Zungenschnalzern in seiner Umgebung orientieren kann. Im Grunde funktioniert es in etwa so wie bei Delfinen oder Fledermäusen: Der Ton eines Zungenklicks wird als Echo von Objekten zurückgeworfen. Das Gehirn baut daraus dann ein mit dem Sehen vergleichbares räumliches Abbild, das die Position entfernter Hindernisse, die Höhe und Breite von Objekten und im Idealfall sogar die Beschaffenheit von Oberflächen abbilden kann.

Bis das allerdings funktioniert, bedarf es einer Menge Übung und viel Geduld. Das mussten auch die sechs Schüler erkennen, die nach den Infoveranstaltungen und Workshops am Freitag und Sonnabend zusätzliche zwei Tage lang Einzeltraining bei Kish und Ruiz genießen durften. „Einige von ihnen kommen in dieser kurzen Zeit sehr weit, andere weniger. Aber fest steht: Bei allen ist ein Fortschritt zu erkennen. Irgendwann gibt es diesen Aha-Moment, dann weiß das Gehirn plötzlich, dass dieses System wirklich Sinn macht“, erklärte Kish in einer kleinen Verschnaufpause. Diese wiederum war nötig, weil die Übungen den Kindern eine Menge Anstrengungen abverlangten. „Aber das macht nichts. Es ist total super, ich will das unbedingt lernen“, sagte Jana.

Wie sehr sie das will, hat ihre Mutter Iris Kruck in der Nacht zwischen den beiden Trainingstagen erlebt. „Da fing Jana plötzlich im Schlaf an zu klicken.“ Vielleicht auch deshalb, weil die beiden am Abend vorher auf Schloss Gottorf waren und dort gleich die ersten Fledermaus-Übungen machten. „Das hat schon sehr gut geklappt, vor allem, weil es dort so schön hallt“, sagte Iris Kruck, die sofort Feuer und Flamme war, als sie hörte, dass Daniel Kish nach Schleswig kommt. „Da haben wir Jana sofort angemeldet. Diese Chance wollten wir uns nicht entgehen lassen.“

Dass Kish den Kindern am Ende allerdings nicht das Sehen schenken kann, weiß auch Iris Kruck. „Dafür aber gibt er ihnen ein Stück Freiheit. Denn wenn man dieses System kann, bewegt man sich schneller, aufrechter und auch selbstsicherer. Und man nimmt seine Umgebung viel bewusster wahr“, sagt Ute Hölscher, stellvertretende Leiterin des LFS. Zwar müssten Blinde und Sehbehinderte weiter ihren Langstock zur Orientierung verwenden. „In Kombination mit dem Klicksonar eröffnen sich ihnen aber ganz andere räumliche Dimensionen.“

Da Kish und Ruiz noch eine Lücke in ihrem aktuellen Tourplan hatten, war es gelungen, das Duo erstmals nach Schleswig zu holen. Die Kosten für Anreise, Unterkunft und Workshops übernahm das LFS. Nur für den Einzelunterricht mussten die Eltern selbst aufkommen, „in einem sehr überschaubaren Rahmen“, wie Ute Hölscher betont.

Für Iris Kruck hat sich die Investition in jedem Fall gelohnt. „Denn es geht hier nicht nur um Echoortung, sondern auch um Erziehung.“ Jana soll lernen, ihre Wahrnehmung zu schärfen. Sie soll selbstständig sein, die Welt allein entdecken – und nicht immer gleich an die Hand genommen werden. Deshalb lautet einer der Leitsprüche von Kish auch: „Don’t touch the student!“ Andererseits spricht er von „keinen Grenzen“ und betont immer wieder die „Chance auf mehr Freiheit“. Dass das am Ende alles funktioniert, dafür ist der Lehrer selbst das beste Beispiel. „Man muss Daniel nur mal abseits des Unterrichts beobachten: Wahnsinn“, schwärte Iris Kruck.

 

 

 

 

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