Katastrophe vor 100 Jahren : Schloss Gottorf in Flammen

So sah Schloss Gottorf sieben Jahre lang aus – Erst 1925 war der Wiederaufbau abgeschlosen.
So sah Schloss Gottorf acht Jahre lang aus – Erst 1925 war der Wiederaufbau abgeschlosen.

Vor genau 100 Jahren geriet Schloss Gottorf in Brand. Große Teile der Hauptfront wurden zerstört. Die Brandursache lieb ungeklärt. Bis zum Wiederaufbau dauerte es Jahre.

shz.de von
08. Dezember 2017, 17:17 Uhr

In einer an Hiobsbotschaften wahrlich nicht armen Zeit, in der Depeschen über den Kriegsverlauf und Traueranzeigen für gefallene Soldaten die Zeitungsseiten füllten, schreckte eine Nachricht die Schleswiger völlig aus ihrer Wochenendruhe auf: „Das Schloss Gottorf brennt!“ In der Vergangenheit hatte es immer mal wieder auf der Schlossinsel gebrannt, aber diesmal – am 8. und 9. Dezember 1917 – handelte es sich um eine Brandkatastrophe, von der große Teile der Hauptfront betroffen waren. Die Löscharbeiten, an der sich auch auswärtige Feuerwehren beteiligten, nahmen nicht weniger als 24 Stunden in Anspruch. Viele Jahre prägte eine Brandruine das Bild an diesem historischen Ort. In den schwierigen Nachkriegsjahren und der Inflationszeit verzögerte sich der Wiederaufbau immer wieder. Erst 1925 konnte er endgültig abgeschlossen werden.

Offizielle Verlautbarungen über das Großfeuer, speziell über die Brandursache, gab es nicht. Denn das Schloss diente seinerzeit den Schleswiger Husaren und der 84er Infanterie als Kaserne. Von hier aus waren Soldaten in den Ersten Weltkrieg gezogen, dessen Verlauf nun in eine entscheidende Phase getreten war. Die Berichterstatter mussten sich zunächst auf ihre eigenen Eindrücke vor Ort stützen, also darauf, was sie sahen und hörten.

In diesem „Stimmungsbild“ genannten Text ist zu lesen: „Das rauschende, lohende Flammenmeer des Westflügels, aus dem das Gerippe des Dachgebälkes und die einzelnen Schornsteine noch lange minarettartig aufragten, boten einen großartigen und erschütternden Anblick. Dann und wann prasselte etwas zusammen, Funkengarben stoben zum gestirnten Himmel oder ein Platzpatronen-Geknatter erregte die Nerven. (…) Am großartigsten aber erschien der dichte Rauchschwaden, der sich schwarz oder rötlich beglänzt, nach Osten gebogen emporwölkte. Der Glutschein fiel weithin über die Hügel- und Waldkonturen.“


Der Turm ist nicht zu retten

Die Hauptsorge galt dem Schlossturm. Wenn der Turm falle, gehe „alle Hoffnung für den edlen Bau verloren“, heißt es weiter der feuilletonistisch anmutenden Schilderung. Und tatsächlich musste am nächsten Morgen konstatiert werden: „Der Turm ist fort. Das geschmolzene glänzende Kupfer seines edlen Hauptes hängt in Dachhöhe, oberhalb der zerstörten Uhr, von dem Stumpf herunter.“ Nun sei die „reizvolle Architektur im Schleswiger Stadtbild zerstört, wenigstens auf Jahre“, stellt die Zeitung fest. Und: „Es ist ein wahrer Kummer für den, der sich täglich daran erquickt hat.“

Die Nachricht von dem Großbrand in Schleswig fand weite Verbreitung – über die regionalen und deutschen Grenzen hinaus. Jene Zeitungen zwischen Kopenhagen im Norden (Berlingske Politiske og Avertissementstidende) und Olmütz in Mähren im Süden (Mährisches Tagblatt), die darüber ihre Leser informierten, orientierten sich dabei im Wesentlichen an der Berichterstattung der Schleswiger Nachrichten.

Das Foto zeigt den Innenhof von Schloss Gottorf. Das Feuer hatte große Teile der Hauptfront zerstört.
Gemeinschaftsarchiv Schleswig
Das Foto zeigt den Innenhof von Schloss Gottorf. Das Feuer hatte große Teile der Hauptfront zerstört.
 

Vom Alarm am Sonnabendabend aufgeschreckt, war die Freiwillige Feuerwehr von Schleswig mit ihrer Dampfspritze rasch vor Ort. Doch musste sie angesichts des Ausmaßes der Feuerbrunst erkennen, dass sie alleine der Situation nicht Herr werden konnte. Vor allem mangelte es ihr an entsprechendem Gerät, um an den Brandherd im oberen Gebäudeteil und Dachgeschoss heranzukommen. Bürgermeister Dr. Oscar Behrens griff kurzentschlossen zum Telefon und bat die Berufsfeuerwehren in Flensburg und Kiel um Unterstützung. Sie schickten Mannschaften mit schwerem Gerät nach Schleswig. Als die Kieler Feuerwehrmänner nach schwieriger Fahrt auf glatten Straßen kurz nach Mitternacht die Schlossinsel erreicht hatten, bot sich ihnen laut Einsatzprotokoll folgendes Bild: „Das Dachgeschoss war schon zerstört und in das brennende Geschoss hinabgestürzt. Die Balken-Decken des brennenden obersten Geschosses waren zum Teil durchgebrannt und hatten auch das darunter liegende Geschoss in Brand gesetzt. Der in der Mitte der Südfront stehende 4 Fenster breite Turm besaß ein sehr weit ausladendes Dachgesims. Dieses hatte auf der dem Feuer zugekehrten Seite auch Feuer gefangen. Es lag die Gefahr vor, dass das Feuer beim Einstürzen des Turmdaches auch auf den andern, noch nicht bedrohten Flügel der Südfront übertragen würde. Auch musste damit gerechnet werden, dass das Feuer auf den westlichen Seitenflügel, der sich ohne durchgehende Brandmauern an den brennenden Westflügel der Südfront anschloss, übertragen würde.“

Die Motorspritzen aus Kiel und Flensburg wurden in Stellung gebracht. Die Flammen fanden in den Soldatenstuben voller Schränke und Betten reichlich Nahrung. Als problematisch stellte sich die Wasserzufuhr heraus, da das Wasser des Burgsees voller Schlamm war. „Die Saugleitung ist verschlammt“, so die Protokollnotiz. Der Standort der Motorspritze wurde gewechselt, die nun ihr Wasser aus einem Hydranten bezog.


Feuerwehr aus Hamburg angefordert

Nachts um 3 Uhr hieß es: „Der Turm ist nicht mehr zu halten. Das Turmdach und das oberste Geschoss des Turms brennen. Die Gefahr, dass das Feuer nunmehr sich auch auf den Ostflügel der Vorderfront ausdehnt, ist sehr groß. Die Anstrengungen der Kieler und Flensburger Feuerwehr erreichen, dass die Gefahr um 6 Uhr beseitigt ist.“ Um 7 Uhr in der Früh wurde auf Drängen des Garnison-Kommandos die Berufsfeuerwehr aus Hamburg als Unterstützung angefordert, „namentlich auch im Hinblick auf den erschöpften Zustand der Feuerwehrleute und den großen Umfang der Brandstelle“. Daraufhin wurde ein Löschzug aus Hamburg mit der Eisenbahn gen Norden auf den Weg gebracht.

Um 7.30 Uhr brachen im Dachgeschoss des westlichen Seitenflügels die Flammen durch. Das Dachgeschoss und das oberste Wohngeschoss wurden aufgegeben, um sich darauf zu konzentrieren, „das Feuer am Knickpunkt des West- und Nordflügels abzuriegeln“. Dieses Manöver gelang, so dass der Brand schließlich „zum Stehen gebracht“ werden konnte. Für das Hamburger Kommando wurde Entwarnung gegeben. Der Zug wurde in Neumünster gestoppt und zurückbeordert. Um 10 Uhr am Sonntagvormittag wurde in Schleswig festgestellt: „Die Gefahr für das Schloss ist beseitigt. Die Brandstelle wird der Feuerwehr von Schleswig zur Ablöschung übergeben.“ Mit dieser Aufgabe waren die Männer der örtlichen Freiwilligen Feuerwehren noch viele Stunden beschäftigt.

Ohne die tatkräftige Unterstützung aus Kiel und Flensburg wäre laut Bürgermeister Behrens das Schloss wohl komplett dem Großbrand zum Opfer gefallen. „Sowohl in Militärkreisen als auch insbesondere in der Bevölkerung unserer Stadt herrscht daher nur eine Stimme des Lobes über die Tätigkeit der genannten Feuerwehren.“ Der Einsatzbereitschaft sei bewundernswert gewesen.

Als dann auch die Schleswiger Wehrmänner abrückten, blieb eine kolossale Ruine zurück, die für lange Zeit eine offene Wunde in der Stadtsilhouette bleiben sollte, auch wenn sofort der Ruf nach einer Wiedererrichtung des Schlosses laut wurde. Treibende Kraft war Bürgermeister Behrens, der nichts unversucht ließ, die zuständigen staatlichen Institutionen von der Notwendigkeit eines unverzüglichen und originalgetreuen Wiederaufbaus zu überzeugen. Dabei blickte man vor allem nach Berlin, denn das Schloss stand im Eigentum des Reichsfiskus. Seinen schriftlichen Eingaben legte Behrens eine Reihe von Fotografien von dem zerstörten Schloss bei. Er hoffte, damit die entscheidenden Instanzen beeindrucken zu können. An seiner Seite standen nicht nur Magistrat und Bürgerschaft, sondern auch zahlreiche hochkarätige Funktionsträger und Politiker sowie bedeutende Ämter wie das Regierungspräsidium und der Provinzialkonservator. „Ganz Schleswig-Holstein wünschte den Wiederaufbau des Schlosses“, notierte eine Berliner Zeitung.

Die Gottorf-Lobby machte Druck und schickte eine Delegation nach Berlin. Sie sah die Gefahr, dass das Schloss – den Witterungseinflüssen nun völlig preisgegeben – weiter Schaden nehmen könnte. Doch die Zeitumstände für die Realisierung eines Großprojektes waren außerordentlich ungünstig: erst Krieg, dann Revolution und schließlich Inflation. Zuversichtlich stimmte Anfang Mai 1918 eine Nachricht aus Berlin, „dass bereits für dieses Jahr ein Teilbetrag von 200 000 Mark für (den) Wiederaufbau eines Teiles des Schlosses nebst Ausstattungsergänzung vom Reichstag bewilligt worden ist“. Doch war die Enttäuschung umso größer, als auf der Schlossinsel nichts Nennenswertes passierte. „Nun sind drei Jahre verstrichen, ohne dass der Ausbau in Angriff genommen ist“, beklagte Regierungs- und Baurat Wilhelm Jänecke 1920 dann auch die Situation. „Der Verfall der Ruine ist durch die fast ständig das ungeschützte Mauerwerk durchdringenden Regengüsse immer weiter vorgeschritten, und nun beginnt auch der im allgemeinen ruhige Schleswiger Bürger und Arbeiter zu murren, und eine wachsende Aufregung fängt an, sich über Stadt und Land auszubreiten. (…) Jeder Tag, den man länger wartet, erhöht die Aufbaukosten um rund tausend Mark.“

Durch eine Petition trug der Schleswiger Magistrat das Thema in den Reichstag. Im zuständigen Fachausschuss herrschte 1921 „Übereinstimmung darüber, dass das stark beschädigte Schloss schnellstens vor dem weiteren Verfall zu schützen ist“. Doch verlautbarte umgehend aus dem Schatzministerium, „dass zur Zeit von der Inangriffnahme des Wiederaufbaus Abstand genommen werden“ müsse, weil die hierfür erforderlichen Mittel nicht flüssig gemacht werden können“. Möglich seien lediglich Schutzmaßnahmen gegen den weiteren Verfall.


Aus Berlin fließen erhebliche Mittel

So ging ein weiteres Jahr ins Land, bis endlich mit dem Wiederaufbau begonnen werden konnte – zur Erleichterung der Stadtoberen und der örtlichen Bauhandwerker, die sich über Aufträge freuen konnten. Die Schleswiger Nachrichten lobten die Reichsbehörden, dass „sie trotz der niederdrückenden Ungunst der Zeiten mit erheblichen Mitteln an den Wiederaufbau des Schlosses Gottorp herangegangen sind“. Damit sei zugleich der herrschenden Arbeitslosigkeit spürbar entgegengewirkt worden. 1924 war – wie die Altonaer Nachrichten berichteten – „aus der Ruine das Schloss vollständig in der alten Bauweise wieder hergestellt“ worden, so dass „man jetzt an die Wiederbeschaffung des Glockenspiels für den Schlossturm herangehen“ wolle. Am 10. Mai 1925 konnten – als Schlusspunkt des Wiederaufbaus - auf dem Schlossplatz die neuen Glocken geweiht werden. Damit war ein lang gehegter Wunsch vor allem der Schleswiger Bevölkerung in Erfüllung gegangen – sie hatten ihr vertrautes Wahrzeichen zurück.

Bernd Philipsen

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