marcus Urban : „Schließlich bin ich Fußballer – ich kann gar nicht schwul sein“

Fußballer Marcus Urban (3. von rechts) mit den übrigen Referenten des  Medizinisch-Theologischen Kolloquiums (von links) Lutz Meier (Psychologe vom Diakoniewerk Kropp), Martin Probst (OLG-Richter), Arndt Michael Oschinsky (Ärztlicher Direktor der  Fachklinik,   Frank Zarp (Schloss Gottorf/Moderator) und Pastor Stefan Holtmann.
Fußballer Marcus Urban (3. von rechts) mit den übrigen Referenten des Medizinisch-Theologischen Kolloquiums (von links) Lutz Meier (Psychologe vom Diakoniewerk Kropp), Martin Probst (OLG-Richter), Arndt Michael Oschinsky (Ärztlicher Direktor der Fachklinik, Frank Zarp (Schloss Gottorf/Moderator) und Pastor Stefan Holtmann.

Er bekannte sich als einer der ersten Spitzenfußballer zu seiner Homosexualität. Jetzt war Marcus Urban Gast auf dem Medizinisch-Theologischen Kolloquium in Schleswig. Das Thema: „Normal – anders – krank“.

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24. März 2014, 01:00 Uhr

Was Thomas Hitzlsperger vor 75 Tagen getan hat, liegt bei Marcus Urban bereits sieben Jahre zurück: das Coming-out als schwuler Profi-Fußballer. Der gebürtige Thüringer war nach Schleswig gekommen, um auf dem 31. Medizinisch-Theologischen Kolloquium des Helios-Klinikums und der Bischofskanzlei über Homosexualität im Fußball zu sprechen.

Nachdem es um Themen wie geschlossene Wohnheime, Rechtsprechung oder Intersexualität gegangen war, trat Urban als letzter Referent des Tages ans Rednerpult. Der 42-Jährige verteilte zunächst Äpfel unter den 35 Zuhörern. Als gerade fast alle genüsslich hineinbeißen wollten, sagte er aber: „Stopp, ich verbiete Ihnen, den Apfel zu essen.“ Denn genau so habe er sich selbst jahrelang verboten, von der verbotenen Frucht zu naschen und Männer zu lieben: „Schließlich bin ich Fußballer, ich kann gar nicht schwul sein.“ Hinter diesem Spruch hat er sich sein Fußballleben lang versteckt – dabei sollte der Sport ihn eigentlich retten. Schon in jungen Jahren wollte der ehrgeizige Urban rauf auf den grünen Rasen, um raus aus schwierigen Familienverhältnissen zu kommen. Und anfangs verlief alles nach Plan: Sein Können am Ball wurde früh erkannt und er kam Anfang der 80er Jahre in ein Sportinternat. „Dort spielte ich gegen spätere Nationalspieler wie Bernd Schneider und Thomas Linke, weil ich genauso gut war – oder besser“, erzählte Urban, der heute als „Personal-Coach“ arbeitet.

Schnell galt er als eines der größten Nachwuchstalente der DDR und spielte bei Rot-Weiß Erfurt. „Aber mit der Pubertät kamen die Probleme: meine Sexualität“, so der Wahl-Hamburger: „Mein Leben durfte nicht ausschweifend sein, nur meine Fantasie.“ Denn damals wie heute „gibt es in der Profiliga wohl kein Spiel ohne Homophobie“. In Italien würden Spieler sogar Models als Scheinehefrauen anheuern. Und bei Spielen unter Leitung des schwulen Schiedsrichters John Blankenfeld „hat eine Zeitung Anfang der 90er Jahre sogar Verhaltenstipps für Fußballer abgedruckt“. Aus diesem Grund, sagte Urban, sei er zu einem „Versteckspieler“ geworden, der seine Gefühle unterdrückte und zu einem lustlosen, traurigen Menschen wurde, „der 24 Stunden lang versucht hat, nicht aufzufallen“. Die einzige Art, den Druck abzubauen, war im Spiel: „Ich war ein brutaler Spieler und viel aggressiver als alle anderen.“

Doch der Druck wurde zu groß, so dass er seine Karriere vor dem Sprung in die Zweite Bundesliga beendete. Nach einem Studium in Weimar spielt er heute Fußball in einer Schwulen-Mannschaft in Hamburg, wo Journalisten 2007 auf ihn aufmerksam wurden. „Durch mein Coming-out war ich plötzlich eine öffentliche Person. Heute genieße ich es, weil ich vieles weitergeben kann.“ Die Sensibilisierung der Gesellschaft habe dafür gesorgt, dass sich mit Thomas Hitzlsperger der erste Star offen zu seiner Homosexualität bekenne. „Damit sind wir jetzt sechs Spieler weltweit, die den Schritt gewagt haben – dabei sind wir in echt tausende“, schloss Urban.

Damit ging das Kolloquium nach fünf Stunden zu Ende. Mitorganisator Arndt Michael Oschinsky freute sich über die inhaltliche Breite und Tiefe, war bei der Teilnehmerzahl „aber nicht ganz so zufrieden“. Allerdings wünsche er sich ein breiteres Publikum. „Deshalb werden wir uns jetzt Themen überlegen, die auch junge Menschen interessieren.“

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