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So alt wie die Reformation : Schleswigs ältestes Haus wird 500

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Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Die Altstadt-Apotheke am Rathausmarkt wurde im Jahr 1517 erbaut. Besitzer Jens Otzen (82) erinnert sich an seine Kindheit in dem Gebäude.

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erstellt am 14.Okt.2017 | 12:00 Uhr

Schade, dass Steine keine Geschichten erzählen können. Denn wenn man sich überlegt, dass das Haus am Rathausmarkt 14, das viele Schleswiger noch immer als die Altstadt-Apotheke kennen, in diesem Jahr ein halbes Jahrtausend alt wird, könnte man von den betagten Mauern sicherlich so einiges Interessantes erfahren. Als „Fürstlich privilegierte Apotheke am großen Markt in Schleswig“ war das stattliche Gebäude auf Befehl von Herzog Friedrich I. im Jahr 1517 errichtet worden. Im selben Jahr also, als Martin Luther seine 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg nagelte. Damit ist das Haus der älteste noch erhaltene Profanbau Schleswigs. Nur der Dom und die Klöster sind älter.

„500 Jahre: Das ist schon eine stolze Zahl“, sagt Besitzer Jens Otzen, der in dem Haus groß geworden ist und mit seiner Frau Ursula direkt nebenan wohnt. „Wir haben viel Herzblut in dieses Gebäude gesteckt, denn wir hängen an ihm“, betont Otzen, der aber auch zugibt: „Es ist sehr alt und deshalb ein Pflegefall. Irgendetwas ist immer.“ Im Jahr 1934 geboren, kam er mit seiner Familie 1941, mitten im Krieg, nach Schleswig. Sein Vater Eberhard hatte die Apotheke damals übernommen – und damit eine Tradition fortgesetzt, die genau so alt ist wie die Haus selbst. Denn seit seiner Eröffnung war dort immer eine Apotheke ansässig. Damals war sie eine von nur drei im ganzen Land, inzwischen ist sie längst die älteste in ganz Schleswig-Holstein, auch wenn die Altstadt-Apotheke seit 1952 im Stadtweg beheimatet ist.

„Früher war hier am Rathausmarkt das Zentrum der Stadt schlechthin. Als sich das nach dem Krieg nach und nach änderte, wurde die Apotheke dahin verlegt, wo die Menschen waren“, sagt Kay Wendt. Der Töpfer betreibt die Keramikstube, die seit 30 Jahren (ebenfalls ein kleines Jubiläum) im Erdgeschoss des alten Hauses untergebracht ist. In dieser Zeit hat er das Gebäude schätzen und lieben gelernt – und sich intensiv mit dessen Geschichte befasst. Vieles hat er dabei von Jens Otzen erfahren, der sich noch gut daran erinnern kann, wie er als kleiner Junge gemeinsam mit seiner Schwester durch das riesige Haus tobte. Auf dem Platz davor stand damals ein großes Bismarck-Denkmal. „Aber das wurde zum Ende des Krieges eingeschmolzen. Daraus hat man wohl eine Kanone gemacht“, erzählt er. Nach 1945 wurde es dann eng zu Hause, als zahlreiche Flüchtlingsfamilien aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten einzogen. „Hier war immer viel los“, sagt Otzen und meint damit in erster Linie den alten Apotheker-Laden. Sein Vater habe damals einen Großteil der Medikamente, oder „Drogen“, wie es hieß, noch selbst hergestellt. Gut, dass das Haus gleich drei übereinander liegende Dachböden hatte, in denen die Kräuter dafür getrocknet wurden. Hier oben befinden sich inzwischen längst Mietswohnungen.

Dadurch, dass unten aber die Keramikstube und daneben das Traumcafé sind, ist das Gebäude auch heute noch für Besucher zugänglich. „Das wissen viele Leute sehr zu schätzen“, erzählt Kay Wendt. Immer wieder kämen Kunden in seinen Laden, die sich für das Haus und seine Geschichte interessieren. „Und es sind auch welche dabei, die als Kinder hier noch in der Apotheke Medikamente besorgt haben und dann in Erinnerung schwelgen.“

Im Inneren selbst gibt es übrigens auch heute noch spannende Details zu entdecken. Wie etwa die Holzverschläge im Flur unter der Treppe, die heute als Lager genutzt werden. Früher waren dies jedoch die – ziemlich beengten – Knechtswohnungen. Unter denen wiederum liegt der Gewölbekeller, der noch viel älter ist als das Apothekerhaus. Denn das wurde auf den Fundamenten des einstigen Gildehauses der St. Knudsgilde errichtet. Grund genug für deren Mitglieder, sich auch heute noch hin und wieder in den historischen Kellerräumen zu treffen.

Was bislang aber weder sie noch Jens Otzen herausgefunden haben, bleibt wohl das größte Geheimnis des alten Hauses. Zumindest hält sich seit Generationen die Legende, dass es von dort aus einen Geheimgang zum Dom gibt. „Ob das stimmt, weiß ich nicht“, sagt Jens Otzen, „ich zumindest habe den Eingang bislang nicht entdeckt.“ Schade, dass die Steine nicht sprechen können.

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