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Charlotte Reese : Schleswiger Deern feiert 100. Geburtstag

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Charlotte Reese lebt seit 1949 in Hessen – und liest noch immer regelmäßig die SN.

Einmal im Monat bekommt Charlotte Reese Post aus der alten Heimat. In schöner Regelmäßigkeit, seit vielen Jahren. Inhalt der großformatigen Briefe: sämtliche Lokalseiten der Schleswiger Nachrichten aus den vorherigen Wochen. Sauber zusammengefaltet und nach Datum geordnet, versteht sich. Absender sind jedes Mal Charlottes Bruder Heinrich Franck und dessen Frau Ilse. Und die beiden wissen genau, wie wichtig ihr diese Post ist – auch wenn Charlotte Reese inzwischen seit über sechs Jahrzehnten in Hessen lebt. „Das ist ein absolutes Muss. Sie will einfach informiert sein über das, was in ihrer Geburtsstadt passiert – auch mit 100 Jahren noch.“

Diesen ganz besonderen Geburtstag feiert die rüstige alte Dame nun am kommenden Montag. Am 24. Februar 1914, also am Vorabend des Ersten Weltkrieges, erblickte sie als Charlotte Dorothea Frieda Franck auf dem Gallberg das Licht der Welt. Nachdem ihre Mutter nur zwei Jahre später überraschend verstarb, zog sie mit ihrer Schwester und ihrem Vater ins Haus der Großeltern in der Töpferstraße. Dort wurden später auch, nachdem der Vater neu geheiratet hatte, ihre beiden Brüder Willi und Heinrich geboren. Ihre Schulzeit verbrachte „Lotti“, wie sie bis heute genannt wird, auf der Altstädter und Lollfußer Mädchenschule. Und weil sie offenbar das Zeug dazu hatte, konnte sie abschließend sogar noch die „Selekta“ in der Wilhelminenschule nachschieben. „Aber dazu musste ich schon in den letzten zwei Jahren der Mädchenschule zweimal pro Woche nachmittags Englisch nachholen“, erinnert sie sich noch heute.

Gelohnt hat sich der Einsatz allemal: Nach einer Lehrzeit in einer Buttergroßhandlung und einem Praktikum in der Buchhandlung Liesegang bekam „Lotti“ eine Anstellung als Stenotypistin bei der Provinz-Regierung im „Roten Elefanten“. „Jetzt begann für mich die große Freiheit. Ich konnte mir ein Paddelboot kaufen, erst eines ganz aus Holz und ganz schön schwer und dann ein Faltboot, sogar mit Segel“, sagt sie. Ausflugsfahrten auf der Schlei waren fortan, neben Tanzveranstaltungen in der Schleihalle, ihr Lieblingshobby. Eine von diesen Paddeltouren endete damit, dass sie ihren späteren Mann, den Marinesoldaten Otto Reese, kennenlernte. Mit ihm und den drei Kindern, Klaus, Ute und Bärbel, zog sie nach Dievonow an die pommersche Ostseeküste. Und während ihr Mann im Zweiten Weltkrieg diente, musste sie, kurz vor dessen Ende, alleine mit den drei Kindern mitten im Winter nach Westen fliehen. „Das war ein einschneidendes Erlebnis, sie spricht bis heute immer mal wieder darüber“, erzählt Schwägerin Ilse Franck.

Nach der geglückten Flucht wurde die Familie im nun völlig überfüllten Elternhaus in der Töpferstraße wieder aufgepeppelt. 1949 siedelten Charlotte und Otto Reese samt der Kinder aus beruflichen Gründen nach Hessen um. Dort lebt die nun bald 100-Jährige bis heute. Nachdem ihr Mann im Jahr 2004 verstarb, wohnt sie inzwischen in Wiesbaden mit ihrer Tochter Ute in einer Frauen-WG. Sohn Klaus wohnt ebenfalls nur einen Steinwurf entfernt (Bärbel wohnt inzwischen in den USA). Gemeinsam tragen sie dazu bei, dass ihre Mutter, die noch immer gerne Platt schnackt, bis heute ein weitgehend selbst bestimmtes Leben führen kann. Und gemeinsam sind alle drei bestens informiert über die aktuellen Geschehnisse an der Schlei. „Die wissen manchmal besser Bescheid als wir“, sagt Heinrich Franck.

Zumindest können er und seine Frau sich in diesem Monat die Briefmarke sparen. Denn selbstverständlich fahren sie, ebenso wie Tochter Bärbel aus den USA, zum Gratulieren nach Wiesbaden. Und natürlich haben sie dabei auch die gesammelten Zeitungen im Gepäck. Als besonderen Geburtstagsgruß aus der Heimat an der Schlei.

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erstellt am 23.Feb.2014 | 07:35 Uhr

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