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Aus dem Landgericht : Schleswig: Messer-Attacke in der Restaurant-Küche

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Ein Streit unter Kollegen ums Mittagessen für das Personal endete blutig: Ein chinesischer Koch steht nun wegen versuchten Totschlags vor Gericht.

Was ging wirklich vor im Kopf dieses Kochs aus dem China-Restaurant am Wikingturm? Nach einem langen und teilweise zähen Verhandlungstag gestern vor dem Flensburger Landgericht bleibt diese Frage noch weitgehend offen. Der 32-Jährige ist wegen versuchten Totschlags angeklagt. Am Gründonnerstag dieses Jahres hatte er in der Restaurantküche seinen 41-jährigen Kollegen mit einem Gemüsemesser angegriffen. Das Opfer lag danach mehrere Tage im Krankenhaus – mit vier Schnittwunden am Kopf, an der Schulter und an der Hand. Das Restaurant musste ausgerechnet während der Osterfeiertage vorübergehend schließen, weil nun beide Köche ausgefallen waren.

Dabei war der Anlass für das blutige Drama dem Anschein nach völlig nichtig: Es ging ums Essen. Der ältere der beiden Köche bereitete täglich das Mittagessen für die Belegschaft zu, das gegessen wurde, wenn die letzten Gäste das Haus verlassen hatten. An diesem Tag dauerte es offenbar etwas länger. Im Lokal war mehr los als erwartet. Darüber kam es zum Streit. So zumindest beschrieb es das Opfer. Der Angeklagte hüllte sich in Schweigen. Auch sonst erzählte er nicht viel über sich, nur dass er aus einer Provinz in Zentralchina stammt, dort mit 15 Jahren die Schule verließ und eine Ausbildung zum Koch absolvierte und im Sommer 2012 nach Deutschland kam, während seine Frau und sein sieben Jahre altes Kind weiterhin in China leben. Chinesische Spezialitätenköche bekommen in Deutschland in der Regel für höchstens vier Jahren eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis und müssen danach in die Heimat zurückkehren.

Die Strafkammer um die Vorsitzende Richterin Birte Babener hatte es trotz der Hilfe einer Dolmetscherin nicht leicht, sich ein Bild vom Tathergang und der Vorgeschichte zu machen. Nicht immer passten die Antworten der Chinesen zu den Fragen der Richterin. Beide Köche, die weder Deutsch noch Englisch sprechen, lebten offenbar weitgehend isoliert in Schleswig. Gegenseitig hatten sie sich nicht viel zu sagen. Auch mit den Kollegen im Restaurant gestaltete sich die Verständigung schwierig, denn viele von ihnen waren keine Chinesen, sondern Vietnamesen. Ein vietnamesischer Hilfskoch war es auch, der die Attacke auf einen seiner Kollegen durch beherztes Eingreifen beendete und die Wunden notdürftig mit einem Tuch abdeckte. Als wenig später die Polizei eintraf, wartete der Täter vor dem Restaurant und drückte beide Handgelenke aneinander. Mit dieser Geste wollte er anscheinend zeigen, dass er sich gegen seine Verhaftung nicht wehren würde.

Einfacher zu verfolgen war dann die Zeugenaussage des Restaurant-Geschäftsführers Wu Jiaxioung, der schon seit vielen Jahren in Schleswig-Holstein lebt und fließend Deutsch spricht. Er beschrieb beide Köche als zuverlässige und fachkundige Mitarbeiter. Konflikte zwischen ihnen habe er nie bemerkt. Wu war zum Zeitpunkt der Tat nicht im Hause, weil er gerade Vorräte für die Osterfeiertage einkaufte, besuchte aber noch am selben Nachmittag seine beiden Angestellten im Krankenhaus und auf der Polizeiwache. Der 41-jährige Verletzte beschrieb ihm mit schwacher Stimme, aber verhältnismäßg gefasst, was geschehen war. Was der Angreifer erzählte, wirkte auf Herrn Wu indes verstörend. Auch bei der Polizei beklagte er sich, dass er noch immer nichts zu essen bekomme. „Ich hatte das Gefühl, er gab uns die Schuld für das, was geschehen war“, sagte Wu.

Das Essen war schon in der Vergangenheit Thema zwischen ihm und seinem Koch. Zu Weihnachten drohte dieser deshalb bereits mit Kündigung. „Ich dachte, es würde ihm in Wahrheit ums Geld gehen.“ Dass er sich beschwerte, er würde zu wenig zu essen bekommen, habe er für eine „faule Ausrede“ gehalten. „In einem Restaurant zu verhungern, ist für mich nicht vorstellbar“, meinte Wu. „Wir haben ein Büffet. Wenn er Hunger hat, kann er sich daran bedienen.“ Die Richterin bekam auf Fragen an den Koch, ob er als Kind oder Jugendlicher habe Hunger leiden müssen, keine erhellenden Antworten. Der Prozess wird fortgesetzt. Das Urteil fällt frühestens Mitte Oktober. Der Angeklagte sitzt seit einer Woche nach der Tat in Untersuchungshaft. Sollte er wegen Totschlags oder gefährlicher Körperverletzung verurteilt werden, wird er nach China ausgewiesen, sobald er seine Haftstrafe verbüßt hat.

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erstellt am 24.Sep.2015 | 07:35 Uhr

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