Brandschutz-Sanierung : Schleswig: Dicke Rechnung für den Wikingturm

Der Wikingturm: Als er vor rund 40 Jahren gebaut wurde, waren die Brandschutz-Auflagen nicht annähernd so streng wie heute.
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Der Wikingturm: Als er vor rund 40 Jahren gebaut wurde, waren die Brandschutz-Auflagen nicht annähernd so streng wie heute.

Die Eigentümer sind in Aufruhr: Sie sollen 2,5 Millionen Euro für Brandschutz-Sanierung des Wikingturms bezahlen – bis zu 12.000 Euro pro Wohnung.

shz.de von
03. Juni 2014, 17:00 Uhr

Schleswig | Seit 35 Jahren arbeitet Lutz Wolter als Rechtsanwalt im Wikingturm. Er ist Fachmann für Bankenrecht, Wettbewerbsrecht und Eherecht. Seit einigen Wochen aber hält ihn ein anderes Thema ganz besonders in Atem: das Bauwerk, in dem er sein Büro hat. Denn im Wikingturm ist Aufruhr. Der Kreis Schleswig-Flensburg verlangt aufwendige Brandschutz-Arbeiten. Kostenpunkt: 2,5 Millionen Euro. Bezahlen müssen das die Eigentümer der 246 Wohnungen. Viele von ihnen waren schockiert, als sie vor einigen Tagen diese Summe erfahren haben. Wem eine 60-Quadratmeter-Wohnung gehört, der muss 12.000 Euro zahlen. Die erste Rate in den nächsten dreieinhalb Monaten, die zweite Rate bis Februar 2015. Das jedenfalls sieht ein Vorschlag vor, den Hausverwalter Uwe Kiesling gemeinsam mit dem dreiköpfigen Eigentümerbeirat vorgelegt hat. Lutz Wolter ist der Sprecher dieses Eigentümerbeirats, und er hat in den vergangenen Tagen mehrere Anrufe, Mails und Briefe von entrüsteten Nachbarn erhalten. Einer rief sogar zum Boykott der Eigentümerversammlung auf, die am kommenden Freitagabend über die Investition abstimmen soll.

„Es wurde totgeschwiegen, niemand konnte sich darauf einstellen“, klagt einer der Betroffenen, der namentlich nicht genannt werden möchte. Wolter weist das zurück. Das Problem sei seit einer Brandschutzbegehung vor einem Jahr bekannt und auch kommuniziert worden. Die tatsächlichen Kosten wisse er selber aber erst, seit ein Planungsbüro im April eine Schätzung vorgelegt habe. „Es ist für viele Wohnungseigentümer eine Belastung, die die Grenze des Erträglichen überschreitet“, räumt Wolter ein. „Das Geld hat kaum jemand in der Portokasse, ich auch nicht.“ Dass es eine günstigere Lösung gibt, glaubt der Eigentümerbeirat nicht.

Wohnungen im Wikingturm sind teuer. Nicht so sehr in der Anschaffung. Zwei große Zimmer mit weitem Blick über die Schlei gibt es für 60.000 Euro. Aber die Nebenkosten liegen mit rund 300 Euro im Monat deutlich über denen von anderen Eigentumswohnungen. Das liegt zum Beispiel am Fahrstuhl, der jährlich 80.000 Euro Stromkosten verschlingt. Außerdem waren schon in den vergangenen Jahren immer wieder kostspielige Sanierungen fällig, die die Eigentümer über ihre regelmäßigen Umlagen finanzierten. So musste mit Millionenaufwand die Brücke erneuert werden, die vom Festland zum Turm führt, der in der Schlei steht. Jetzt sind die Rücklagen aufgebraucht. Mehr als 400.000 Euro kostete es bereits im vergangenen Jahr, eine Brandschutz-Auflage zu erfüllen, die die Kreisverwaltung als besonders dringlich einstufte: neue Löschwasserleitungen bis hinauf in den 26. Stock.

Als der Wikingturm zwischen 1971 und 1977 gebaut wurde, waren die Vorschriften noch nicht so streng wie heute. Es gibt nur ein einziges Treppenhaus. Bei einem Neubau dieser Dimension wäre das unvorstellbar. Die Flure befinden sich in der Mitte des Turms. Sie ziehen sich kreisförmig um den Fahrstuhlschacht herum. Ein zweites Treppenhaus nachzurüsten, ist nahezu undenkbar. Dazu müsste wohl in jedem Stockwerk eine Wohnung aufgelöst werden.

Die Brandschützer verlangen aber, die bestehende Fluchttreppe besser gegen Feuer zu schützen. Außerdem müssen wohl alle Wohnungs-Eingangstüren ausgetauscht werden. Auch der Müllabwurf-Schacht, der sich von oben bis unten durch den Turm zieht, gilt als Gefahrenquelle. Möglich, dass die Bewohner bald auf ihn verzichten müssen.

Über all dies werden die Eigentümer am Freitagabend beraten. Lutz Wolter stellt sich auf eine Marathon-Sitzung ein. Sollte sich die Versammlung gegen die Brandschutz-Sanierung aussprechen, könnte der Kreis zunächst ein Zwangsgeld verhängen und theoretisch sogar den Wikingturm sperren. Wolter: „Um mit Angela Merkel zu sprechen: Die Entscheidung ist alternativlos.“

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