Schleswiger Speeldeel : Scheinbar heile Welt

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24. Januar 2011, 11:32 Uhr

Schleswig | Für die zweite Premiere dieser Spielzeit hatte sich die "Schleswiger Speeldeel" einmal wieder ein ernstes Stück ausgesucht: "Ein Inspektor kommt" von John Priestley. Der britische Autor (1894-1984) hatte das Schauspiel, eine Mischung aus Sozialkritik und Krimi, 1945 geschrieben; Karl-Heinz Groth, der sich unter den Premierengästen befand, hat es in ein ausgezeichnetes Niederdeutsch übertragen, und Hauke Stieger führte eine sichere Regie. Zum Gelingen der Aufführungen trugen hinter der Bühne einige versierte Kräfte bei: Günter Kämpfer und Lutz Schnoor (Bühnenbild), Anne Meyer (Requisite), Jörg Niemann (Technik), Birgit Panten (Souffleuse) und Edna Stieger (Regie-Assistentin). Uwe Petersen hielt die launige Begrüßung überreichte eine Urkunde und einen Ehrenteller an Kai Boysen - seit 25 Jahren aktives Mitglied der Speeldeel.

Die sieben Darsteller des Stückes bildeten ein harmonisches Ensemble - was sich auf die Aufführung, jedoch nicht auf den Inhalt bezieht. Denn die Familie - Vater, Mutter, Tochter, Sohn, dazu der frisch angetraute Verlobte - ist sich absolut nicht einig in der Bewältigung der schwierigen, sehr persönlichen Vergangenheit.

Der Vater denkt vor allem ans Geschäft und ans Geld, die Mutter ist auf Harmonie bedacht, Tochter Elfi und der neue Schwiegersohn schwelgen im jungen Verlobungsglück. Nur Sohn Erik zeigt sich hier bereits als "Enfant terrible". Den Vater Arthur Brinkmann spielt souverän Peter Philipp, er beherrscht die Bühne und die Familie, ist autoritär und stets auf seinen Vorteil bedacht. Das macht der Schauspieler großartig. Seine Frau Sybille (Ingrid Oeser) wirkt zu Anfang etwas blass und unscheinbar, später gewinnt sie an Statur und Format. Tochter Elfi wird von Petra Utermann bestens auf die Bühne gestellt. Ihr nimmt man ohne Vorbehalte ihr Schuldbekenntnis und die Konsequenzen daraus ab - eine hervorragende Leistung! Sohn Erik (Hartwig Petersen) ist auch ehrlich in seiner Ablehnung der "heilen Welt", besonders am Schluss kommt er sehr klar aus sich heraus - sehr gut! Der Verlobte Gerald Balthus ist bei Kai Boysen in besten Händen. Sein Spiel wirkt recht natürlich und echt. Birgit Panten spielt eine aufmerksame Hausangestellte.

Plötzlich taucht der ominöse "Kommissar Petersen" auf, in Gestalt von Lutz Schnoor. Er bringt durch seine Fragen, oft mit schneidender Stimme, die Beteiligten dazu, ihre Schuld zu bekennen, denn jeder, jede hat einem jungen Mädchen übel mitgespielte. Aber war es immer die gleiche junge Frau, zeigte der Kommissar stets das gleiche Foto? Die "heile Welt" der Familie bricht zusammen, und gegenseitige Vorwürfe verschlimmern die zerrissene Situation. Vieles bleibt offen, alle Schauspieler tragen zur steigenden Spannung bei, die fast die Nerven zerreißt.

Nach dem überraschenden Schluss herrschten zunächst tiefe Betroffenheit und verblüfftes Schweigen, bis dann der herzliche Beifall aufbrandete - ein Dank für eine großartige Aufführung!

20 weitere Aufführungen bis zum 12. März. Termine auf www.schleswiger-speeldeel.de

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