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Schleswiger Nachrichten

18. August 2017 | 03:43 Uhr

Schleswig : Schauspieler aus dem Gefängnis

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

In der Jugendanstalt stehen Häftlinge gemeinsam mit angehenden Erzieherinnen auf der Bühne. Aufführungen sind im November geplant.

In der Sicherheitsschleuse geben sie Handy und Personalausweis ab, dann gehen sie über den Gefängnishof vorbei am eingezäunten Basketballfeld durch zwei weitere gesicherte Türen hinein in die Abteilung für Sozialtherapie. Jeden Montag begeben sich fünf Erzieher-Fachschülerinnen aus dem Schleswiger Berufsbildungszentrum (BBZ) in die Jugendanstalt am Königswiller Weg. Dort proben sie ein Theaterstück – gemeinsam mit sechs Häftlingen. Warum die jungen Männer zu Haftstrafen verurteilt wurden, wissen die Schülerinnen nicht. Sie wissen nur, dass in der Abteilung, in der sie untergebracht sind, überwiegend Gewalt- und Sexualstraftäter einsitzen.

Die Häftlinge proben schon seit Anfang Juni gemeinsam mit der früheren Landestheater-Pädagogin Ilona Januschweski. Irgendwann im November – einen genauen Termin gibt es noch nicht – wollen sie ihr Stück aufführen. Es handelt vom Alltag im Gefängnis und spielt ganz bewusst mit Klischees: Die Hauptfiguren heißen Abdul Arabi, Tarkan Türk, Sergej Sowjet und Daniel Deutschmann. „Wir zeigen das Gefängnis so, wie die Leute draußen es sich vorstellen, sagen dann aber auch, dass es in Wahrheit ganz anders ist“, sagt der 20-jährige Dennis (Name geändert).

Dass es hinter Gittern anders zugeht als erwartet, das bestätigen auch die beiden BBZ-Schülerinnen Janine Linke und Rebekka Westphal-Diedrichsen. „Ich hatte die Bilder aus dem RTL-Frauenknast im Kopf“, sagt Rebekka. „Aber so grau und trostlos ist es hier nicht.“ Für die angehenden Erzieherinnen ist das Projekt auch deshalb interessant, weil sie ein mögliches Arbeitsfeld für ihr späteres Berufsleben kennen lernen.

Und für die Gefangenen? „Draußen wäre ich niemals auf die Idee gekommen, Theater zu spielen“, sagt Dennis, ein betont selbstbewusst auftretender junger Mann, der zugibt, dass es ihm zu Beginn schwer fiel, auf der Bühne eine Figur darzustellen, die sich jemand anderem unterordnet – erst recht, wenn es eine Frau ist: „Man will ja männlich rüberkommen.“ Sein Mitgefangener Mehmet hat über solche Probleme weniger nachgedacht. Er genießt die Flucht aus dem Alltag: „Beim Theaterspielen fühlt man sich woanders. Man fühlt sich ein bisschen, als wäre man frei.“

Zwanglosen Kontakt zu jungen Frauen erleben die Häftlinge in der Jugendanstalt sonst nicht. „Am Anfang war auf beiden Seiten eine gewisse Distanz zu spüren“, sagt Janine. Inzwischen wird auch gemeinsam gefrotzelt. Nach einer Szene, in der Rebekka die strenge Gefängnis-Psychologin spielt, sagt Dennis: „Du könntest echt so ’ne Beamte sein.“

Theaterspiel als Sozialtherapie, das gibt es auch in vielen anderen Haftanstalten. Aber das Zusammenspiel mit Menschen von außerhalb des Gefängnisses ist ebenso ungewöhnlich wie die Art der Finanzierung: Die Stadt Schleswig gibt einen Zuschuss im Rahmen ihrer Förderrichtlinien für kulturelle Veranstaltungen. Der Unterschied zu anderen Veranstaltungen, die die Stadt subventioniert: Es wird keine für jedermann öffentliche Vorstellung geben. Geplant sind in der Gefängnis-Sporthalle lediglich Aufführungen für die Gefangenen, für Angehörige und Mitschüler der Darsteller sowie für Personen, die beruflich mit der Jugendanstalt zu tun haben – wie Polizisten, Richter oder Bewährungshelfer.

 

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erstellt am 08.Okt.2015 | 16:51 Uhr

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