Umweltverschmutzung durch Sickersäfte : Schärfere Kontrolle der Biogasanlagen soll Gewässer schützen

Eines der vorgestellten Konzepte beinhaltet die gesteuerte Biogasproduktion, um so bedarfsgerecht Biogas herzustellen.  Foto: Ann-Katrin Gerwers
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Eines der vorgestellten Konzepte beinhaltet die gesteuerte Biogasproduktion, um so bedarfsgerecht Biogas herzustellen.

Gewässerverunreinigung und Fischsterben – die Lagerung von Silage ist in den Blickpunkt der Politik geraten.

shz.de von
15. Juli 2015, 06:30 Uhr

Schleswig | Thorsten Roos ist darauf bedacht, einen moderaten Ton anzuschlagen. „Unser Ziel ist es, partnerschaftlich und mit Augenmaß mit den Betreibern der Biogasanlagen zusammenzuarbeiten“, sagt der Leiter des Fachbereichs Kreisentwicklung, Bau und Umwelt im Schleswiger Kreishaus. Roos hat aber auch einen klaren Auftrag der Politik zu erfüllen: „Jährliche Überwachung aller Biogasanlagen im Kreisgebiet und Beratung der Betreiber vor Ort“, heißt es in einer verbindlichen Weisung, der Roos und Holger Steen, der Leiter des Fachdienstes Wasserwirtschaft, Bodenschutz und Abfall, auch gern nachkommen würden. Die Aufgabe sei wichtig, genieße höchste Priorität, sei aber in dem vorgegebene Zeitrahmen wegen fehlenden Personals nicht zu erfüllen, sagt Steen. Intern hat man sich das Ziel gesetzt, innerhalb von zwei Jahren alle 145 Biogasanlagen im Kreisgebiet zu überprüfen.

Dass dies dringend notwendig ist, daran lassen weder Roos noch Steen einen Zweifel. Denn Biogasanlagen stellen ihrer Erfahrung nach eine erhebliche Gefährdung für die Umwelt dar. Das Problem ist nach Auskunft von Roos und Steen in erster Linie die fachgerechte Lagerung der Silage, die so genannte Sickersäfte produziert. Geraten diese in Gewässer, wie erst vor Kurzen an der Lippingau geschehen, kann das zu einer vollständigen Zerstörung der Lebensgemeinschaft im Wasser führen. Ammonium führt zu Fischsterben, die sauerstoffzehrenden Stoffe haben eine ähnliche Wirkung auch auf viele andere Lebewesen, und zudem entwickelt sich Faulschlamm. „Die Folgen sind verheerend“, sagt Steen.

Die gesetzliche Vorgabe für die Betreiber von Biogasanlagen ist eigentlich eindeutig. Sie müssen ihre Silage so lagern, dass Sickersäfte aufgefangen werden und auf keinen Fall Gewässer kontaminieren können. In der Realität aber werden diese Vorgaben häufig nicht eingehalten. An gravierenden Vorfällen besteht kein Mangel: In einem Informationsvortrag mit landwirtschaftlichen Beratern berichtete Steen über Möglichkeiten des richtigen Umgangs mit Siloanlagen, zeigte aber auch abschreckende Bilder von maroden und sogar eingestürzten Silo-Mauern, von ausgelaufenen Gärsäften und zerstörten Gewässern. Dass es sich bei den Verstößen möglicherweise um Einzelfälle handelt, bestreiten die Verantwortlichen im Kreishaus aus Erfahrung. „Bei rund einem Drittel der 145 Anlagen gibt es gravierende Probleme,“ schätzt Steen, „würde man noch kleinere Vorfälle einrechnen, läge die Quote bei etwa 80 Prozent“.

Thorsten Roos merkte an, dass die Kläranlagen im Kreis nach den Anstrengungen der vergangenen Jahre inzwischen fast durchweg in einem guten Zustand seien, die Verbesserung der Gewässerqualität aber durch die Einleitung von Nährstoffen und Gärsäften aus Biogasanlagen wieder zunichte gemacht worden seien.

Kontrollen waren in der Vergangenheit eher Mangelware. Die Behörde sei pro Jahr in fünf bis zehn Fällen bei Verunreinigungen alarmiert worden, hinzu kamen etwa 15 eigene Kontrollen. Viel zu wenig, um den Auftrag der Politik zu erfüllen. Ein Grund dafür war die Tatsache, dass bisher nicht einmal 1,5 Planstellen für diese Aufgabe zur Verfügung standen. „Aber es werden wesentlich mehr“, verspricht Roos. Im Kreishaus gibt es zwar nicht mehr Personal, eine Chance aber ergibt sich aus der Tatsache, dass im Rahmen der Haushaltskonsolidierung Abteilungen zusammengelegt und im Gegensatz zu früheren Zeiten in der Arbeit mehr Schwerpunkte gesetzt werden. „Die Kontrollen der Biogasanlagen sind ganz eindeutig ein solcher Schwerpunkt“, betont Roos – der auch nicht verschweigt, dass dafür andere Aufgaben zeitweise mit weniger Aufwand angegangen werden.

Der Kontrolldruck auf die Betreiber von Biogasanlagen wird wachsen, dennoch setzt die Kreisverwaltung nach wie vor auf Kooperation und Fingerspitzengefühl. „Es geht nicht darum, jemanden bei Verfehlungen zu erwischen, sondern einzig und allein um den Schutz unserer Gewässer“, sagt Roos. Wenn uns ein Unfall gemeldet wird, muss auch nicht zwangsläufig ein Bußgeld folgen, wir setzen vielmehr auf eine Mischung aus Kontrolle und Beratung, um das Ziel zu erreichen.“

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