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Schleswiger Nachrichten

20. August 2017 | 12:27 Uhr

Roger Willemsen : Sätze, die im Kopf bleiben

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Der einstige TV-Star plauderte im ausverkauften Plenarsaal des Oberlandesgerichtes – und stellte nebenbei sein neuestes Buch „Momentum“ vor.

Selten wurde auf einer Lesung so wenig gelesen wie am Montagabend. Roger Willemsen, einstiger Superstar des Kulturfernsehens und inzwischen nach eigenem Bekunden im Hauptberuf Schriftsteller, nahm seine weinrote Kladde höchstens einmal für zehn Minuten in die Hand. Lieber plauderte er frei drauf los – und zwar in geschliffenem Gelehrtendeutsch: „Ich bin der sirenenhaften Intensität, mit der die Präsidentin auf mich zugetreten ist, erlegen“, waren seine ersten Worte.

Damit antwortete er auf Konstanze Görres-Ohde, die Vorsitzende der Gesellschaft Justiz und Kultur und frühere Präsidentin des Oberlandesgerichts, die sich lange um den Gast aus Hamburg bemüht hatte, der zuletzt vor sieben Jahren in Schleswig las.

Zur Begrüßung hatte sie den Besuchern die Hoffnung mit auf den Weg gegeben, dass ihnen von dem Abend im ausverkauften Gerichts-Plenarsaal vielleicht ein einzelner besonders prägnanter Satz noch lange im Gedächtnis bleiben möge. Das stachelte Willemsen offenbar an. Immer wieder ließ er Sätze fallen, von denen er offenbar hoffte, dass sie die Anforderungen der Gastgeberin erfüllen. Zum Beispiel mit einer Beschreibung seiner Fahrt nach Schleswig: „Die Reise im Regionalzug mit würziger Luft gab mir einen Vorgeschmack auf den eigenen Lebensabend.“ Dann zitierte er einen Satz, den er sich in jungen Jahren selbst eingeprägt hatte, als er als Nachtwächter in Bonn jobbte und stets bunte Socken zur mausgrauen Uniform trug. Sein Chef ermahnte ihn eines Tages: „Die häufig beobachteten Fantasiezusammenstellungen müssen in Fortfall geraten.“ Als der junge Willemsen seinem Sockenstil treu blieb, formulierte der Vorgesetzte prägnanter: „Das gehört verschwunden.“ Ein Satz, der sich universell anwenden lasse – zum Beispiel fast täglich auf das Fernsehprogramm.

Das Buch, das Roger Willemsen nebenbei vorstellte, heißt „Momentum“ und ist im vergangenen Jahr erschienen und ist – wie der Titel erahnen lässt – dem Augenblick gewidmet. Sein Credo: Wer den einzelnen Moment intensiv wahrnimmt, hat mehr vom Leben. Vor diesem Hintergrund reiht er einzelne Szenen – erlebte, beobachtete, womöglich erfundene – aneinander. Natürlich kommen auch darin viele Sätze vor, die das Zeug haben, im Kopf hängen zu bleiben. Zum Beispiel ein Satz der Frau hinter der Schlachtertheke in den Sechziger Jahren, die auf die Frage, ob sie ein bestimmte Wurstsorte auch selber esse: „Bedaure, Gnädigste, das ist Kundenwurst.“

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erstellt am 02.Okt.2013 | 07:45 Uhr

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