„Du stinkst nach Kuh!“ : Rührender Facebook-Post: Vater macht auf Bauern-Mobbing aufmerksam

Landwirte beklagen, dass ihre Kinder zunehmend zur Zielscheibe in der Auseinandersetzung um die Landwirtschaft werden.

shz.de von
31. Januar 2018, 13:03 Uhr

Lindewitt | Viele Landwirte sind mittlerweile in sozialen Netzwerken aktiv, posten Berichte aus ihren Ställen, kritisieren Natur- und Umweltverbände. Einer der besonders aktiven Bauern ist Thomas Andresen (37) aus Lindewitt im Kreis Schleswig-Flensburg. Er hält Milchvieh in dem kleinen Dorf Sillerup. Anfang Januar erlebte der Landwirt und Vater eines kleinen Sohnes das, was einst die Grünen erfunden hatten: einen sogenannten Candystorm.

 

Andresen hatte ein Bild seines kleinen Jungen auf Facebook veröffentlicht, wie er im Stall eine Kuh umarmt. „Es bricht einem fast das Herz, ich hatte Angst vor diesem Tag und dachte vielleicht kommt er auch nie“, leitete Andresen seinen Beitrag ein, in dem er schilderte, wie sein Sohn im Kindergarten gehänselt worden sei. Er stinke nach Kuh, habe es geheißen. Der emotionale Beitrag des Vaters verbreitete sich schnell, wurde bis heute mehr als 20.000 Mal geteilt. Mehr als 40.000 Facebook-Nutzer reagierten auf die Schilderungen – überwiegend mitfühlend.

Bauern sahen sich in dem diffusen Gefühl bestätigt, dass schon länger auf den Höfen umgeht: Ihre Kinder werden zunehmend zur Zielscheibe in der Auseinandersetzung um die Landwirtschaft. Das Phänomen ist nicht neu. Auch ältere Generationen von Landwirten kennen Hänseleien aus ihrer Schulzeit. Gerade dann, wenn die Bauernkinder auf weiterführende Schulen in der nächstgelegenen Stadt wechselten, mussten sie sich den einen oder anderen dummen Spruch von Mitschülern oder Lehrern anhören. Die Überheblichkeit der vermeintlichen urbanen Eliten gab es auch schon im vergangenen Jahrhundert.

Neu scheint aber zu sein, dass der mangelnde Respekt gegenüber der Landwirtschaft das Land erreicht hat. Wenn Bauern berichten, ihre Kinder würden in Kindergarten oder Grundschule gehänselt, dann stehen diese staatlichen Institutionen meist im Ort selbst. Landfrau Juliane Vees wundert das nicht: „Selbst auf den Dörfern ist das Wissen über moderne Landwirtschaft verloren gegangen. Bauern sind auch auf dem Land Exoten.“

Das kann Thomas Andresen nur bestätigen: „Bereits im Kindergarten ist der Strukturwandel in der Landwirtschaft sichtbar“, sagt der 37-Jährige. „Von 20 Kindern ist unser Sohn der einzige, der vom Hof kommt. Zu meiner Schulzeit waren wir wenigstens noch vier oder fünf.“

Juliane Vees ist Vorsitzende des Landfrauenverbandes Württemberg-Hohenzollern. Im Internet hatte ihr Verband eine Umfrage zum Thema Mobbing gestartet. Es sollte ein Versuch sein, die Dimension des Problems zu erfassen. „Überhaupt nicht repräsentativ oder wissenschaftlich“, wie Vees sagt. Mehr als 300 Menschen nahmen teil, 1900 Antworten kamen zusammen. „Bei den Schilderungen kommen einem die Tränen.“

Vees hat alle Einsendungen gelesen, die aus ganz Deutschland eintrafen. Mobbing kennt sie aus der eigenen Familie. Ihr Sohn sei während seiner Schulzeit betroffen gewesen. „Das fröhliche kleine Kind hat den Bauernhof auf einmal sehr kritisch gesehen.“ Genau das ist die große Sorge, die viele Landwirte haben: Dass der eigene Nachwuchs nicht mehr Bauer werden will.

Innerhalb der Branche ist das Thema an sich, aber auch der Umgang damit umstritten. Viele Verbandsfunktionäre wollen sich zumindest öffentlich nicht äußern. Sie verweisen auf die fehlende Datengrundlage. „Soll man einen Einzelfall hochspielen, obwohl die Hintergründe unklar sind?“, fragt einer. Tatsächlich sind die Klagen in den sozialen Netzwerken über Mobbing in Schulen oder Kindergärten allgegenwärtig. Die wenigsten können auf Nachfrage ihr Wehklagen konkretisieren. Oft bleibt es bei sehr allgemeinen Feststellungen unter Berufung auf Hörensagen.

Vees glaubt aber nicht, dass bei der Thematik übertrieben wird. „Viele wollen einfach nicht darüber reden“, sagt die Landfrauen-Vorsitzende. „Es gibt eine große Ohnmacht auf den Höfen, was das Thema angeht.“ Ähnlich äußerte sich kürzlich auch Bauernverbandspräsident Joachim Rukwied im Interview mit sh:z. „Das machen viele Familien mit sich selbst aus“, so der oberste Interessensvertreter der deutschen Landwirte. Er selbst kenne allerdings keine Beispiele.

Dass es zu solchen Extremen wie dem Mobbing von Bauernkindern komme, wundere ihn jedenfalls nicht. Es werde emotional über Landwirtschaft, Tierhaltung oder Pflanzenschutzmittel gestritten. „Und dabei wird es schnell mal unsachlich und der gesamte Berufsstand diskreditiert. Das müssen sich Umwelt- und Tierschutzverbände ankreiden lassen“, so Rukwied.

Das Ausmaß ist also unklar, der Schuldige aber scheint zumindest aus Bauernsicht gefunden: die Kritiker der modernen Landwirtschaft. Der Naturschutzbund Nabu wehrt sich. Der Verband distanziere sich von jeglicher Form des Mobbings, sagt eine Sprecherin. „Wir kritisieren das aktuelle System der Agrarförderung und nicht einzelne Landwirte beziehungsweise Bauernfamilien.“

Drastischer in Kritik und Wortwahl sind häufig die Tierrechtler von Peta, die sämtliche Tierhaltung abschaffen wollen. Aber auch hier weist man den Vorwurf zurück, am Mobbing von Kindern schuld zu sein. Die Landwirtschaft versuche viel mehr von der Täter- in die Opferrolle zu wechseln, erklärt ein Sprecher. Die harsche Kritik von Peta an den „größtenteils katastrophalen Zuständen“ in der Tierhaltung sei mehr als gerechtfertigt. Und weiter: „Wenn es vereinzelt dazu kommt, dass Kinder von Bauern deshalb in Bedrängnis geraten, empfinden wir das als genauso unangebracht, wie wenn vegan lebende Kinder verunglimpft werden.“

Andresen indes fand die Reaktion seines Sohnes nicht nur rührend, sondern auch selbstbewusst. „Bauer ist doch der tollste Beruf der Welt“, hatte der Fünfjährige ihm gesagt. Der Vater bestätigte das. Beide werden, wie im vergangenen Jahr, in diesem Sommer erneut den Kindergarten zu einem Hofbesuch einladen. Und genau das zeigen – wie toll der Beruf ist.

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