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Schleswiger Nachrichten

20. Oktober 2017 | 22:37 Uhr

Struxdorf : Rückkehr im „Spinnermarsch“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

André Fischer betritt erstmals nach dreieinhalb Jahren als Wandergeselle wieder seine Heimatgemeinde.

Es waren mehr als 100 Menschen, die am Ortseingang von Hollmühle, einem Ortsteil von Struxdorf, auf die Rückkehr von André Fischer warteten. Der Zimmermann hatte den Ort vor dreieinhalb Jahren verlassen, um als Wandergeselle die Welt kennenzulernen. In dieser Zeit durfte er sich seinem Heimatort maximal bis auf 50 Kilometer nähern.

Der Wandergeselle ließ seine Fans mehr als eine Stunde warten. Selbst als er mit einer Eskorte von etwa 30 „Rechtschaffenen fremden Zimmerer- und Schieferdeckergesellen“ am Horizont erschien, war das Warten nicht zu Ende. Denn der Zug gehorchte den Richtlinien des „Spinnermarschs“, bei dem in Schlangenlinien gelaufen und nach jedem Lied ein Kreis gebildet wird, in dem die Flasche kreist. Der letzte Kreis bildete sich in Rufweite zu der Menschenmenge, die hinter dem Ortsschild wartete. Autofahrer hatten hier schon lange keine Chance mehr und wichen notgedrungen auf andere Straßen aus.

Nach längerer Verabschiedung löste sich Fischer endlich aus dem Kreis seinen Kollegen und überquerte unter dem Jubel der Wartenden die Ortsgrenze. Sein erster Weg führte zu seiner Mutter. Dann wurde jeder umarmt, der dazu bereit war. Der Tag endete mit einer Party im Dörps- un Schüttenhuus, an der praktisch der gesamte Ort inklusive der Wandergesellen teilnahm.

Während seiner Wanderschaft hatte sich Fischer mit Ofenbauer André Thees zusammengetan. Die beiden Andrés zogen im ersten Jahr kreuz und quer durch den deutschsprachigen Raum und arbeiteten viel in der Schweiz. Danach übten sie ihr Handwerk in Schweden, Kanada und Mexiko aus. Auch Hawaii besuchten sie – aber nur als Touristen. Denn die strengen Gesetze verbieten dort die Arbeit als Ausländer ohne spezielle Arbeitserlaubnis.

Auf Hawaii erlebten sie auch den größten Schreck ihrer Reise. Denn sie konnten mit einer deutschen Bankkarte kein Geld abheben. Und nur einer der damals dreiköpfigen Gruppe hatte Bargeld dabei. „Wir eröffneten ein Konto mit deutschen Namen, deutscher Adresse und deutscher Telefonnummer, waren sparsam und warteten darauf, dass Geld überwiesen wurde“, erinnert sich Fischer. Bis dahin campten sie in einem Zelt, das sie in einem Müllcontainer gefunden hatten.

Ein positiver Höhepunkt war für den Wandergesellen der Bau eines Hauses in der Wildnis von Kanada. Dort, am Dean River, befindet sich einer der weltweit besten Angelplätze für Lachse. Das Haus wurde komplett auf ein Floß verladen, einen Tag lang den Fjord hochgeschleppt und schließlich von einem Helikopter auf den vorgesehenen Platz gesetzt. Während ihrer Freizeit erkundeten die Handwerker die Umgebung und fanden unter anderem Reliefs der Ureinwohner, die in Felsen eingemeißelt waren.

„Arbeit zu finden, war nie schwierig“, erklärte Fischer. Teilweise wurden sie sogar auf der Landstraße von Zimmererfirmen „gekidnappt“. Er selbst kann diese Form des Arbeitslebens nur empfehlen. „Du gehst als kleiner Junge los und kommst als Mann zurück“, lautet sein Fazit. Es sei eine gute, schöne Lebensschule, in der das Selbstvertrauen wachse. Beruflich hätte er viel gemacht, das er in seiner Lehrfirma nicht zu sehen bekommen habe. Jetzt will André Fischer erst einmal eine Arbeit suchen. In ein paar Jahren plant er die Meisterprüfung.

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