zur Navigation springen
Schleswiger Nachrichten

20. August 2017 | 11:41 Uhr

Faulschlamm : Rohstoffe vom Grund der Schlei?

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Kampf gegen den Faulschlamm: Nach anfänglicher Skepsis stößt der Geowissenschaftler Svend Duggen mit einem gewagten Vorschlag auf offene Ohren.

Es ist eine Idee, die im ersten Moment leicht verrückt klingt oder zumindest illusorisch, die aber offenbar auf viele Menschen an der Schlei eine gewisse Faszination ausübt: Die Wasserqualität in der Schlei ließe sich vielleicht nachhaltig verbessern, wenn man den schwarzen und stinkenden Faulschlamm vom Grund des Gewässers einfach ausbaggert. Es wäre eine Mammut-Aufgabe: 20 Jahre lang müsste man an jedem Werktag eine komplette Schiffsladung abtransportieren.

Svend Duggen hat das alles durchgerechnet. Er möchte den Schlamm als Rohstoff verwerten. Mehr als 100 Bürger kamen jetzt zu einer Informationsveranstaltung zum Thema ins Foyer der A.P.-Møller-Schule. Dort arbeitet Duggen als Chemielehrer. Aber er ist auch Geowissenschaftler und hat an verschiedenen Universitäten geforscht, unter anderem am Geomar in Kiel.

Auf der Internetseite des Vereins Schlei-Informations- und Erlebniszentrum (SIEZ) aus Kosel hat Duggen seine Überlegungen schon im Januar publiziert. Auf einer Diskussionsveranstaltung der Grünen im Februar präsentierte der SIEZ-Vorsitzende Karl Walther die Thesen in knapper Form erstmals einer breiteren Öffentlichkeit.

Damals waren die Reaktionen noch sehr verhalten. Aber nachdem Duggen nun am Mittwochabend seine Vorschlag ausführlich dargestellt hatte, zeichnet sich ab: Die Idee ist in der Welt und wird so schnell nicht wieder verschwinden. Michael Trepel vom Kieler Umweltministerium, der im Februar noch ausgesprochen skeptisch reagiert hatte, sprach nun von einem „fundierten Vortrag, der die Diskussion, die wir in den nächsten Jahren führen werden, sehr befruchtet“. Die Vorsitzenden der Schleswiger Ratsfraktionen von SPD und Grünen, Stephan Dose und Johannes Thaysen, kündigten an, Duggen in eine der nächsten Bauausschuss-Sitzungen einzuladen.

Der Wissenschaftler hatte vorgetragen, wie negativ sich der Schlamm auf die Wasserqualität in der Schlei auswirkt. Die durchschnittlich 30 Zentimeter dicke Schicht am Grund des Gewässers hat sich seit den 1930er Jahren in Folge von Überdüngung gebildet. Erst waren es vor allem die Hausabwässer, die ungeklärt in die Schlei flossen. Heute – da es in der Region leistungsfähige Kläranlagen gibt – sind es vor allem Einleitungen aus der Landwirtschaft, die die Schlammschicht stetig weiter wachsen lassen. Die Auswirkungen auf das Ökosystem Schlei sind vielfältig. Unter anderem entzieht der Schlamm dem Wasser Sauerstoff. Zudem fördert das Phosphor, das aus dem Faulschlamm zurück ins Wasser gelangt, das Wachstum der Blaualgen, die nicht nur für die geringe Sichttiefe in der Schlei verantwortlich sind, sondern wiederum zur weiteren Faulschlamm-Bildung beitragen.

Diesen Kreislauf möchte Duggen durchbrechen. Ähnliche Überlegungen gab es schon vor mehr als 30 Jahren. Zumindest in der Schleiregion neu ist aber die Idee, den Schlamm als Rohstoff zu verwerten – und das Ausbaggern auf diese Weise zumindest teilweise zu finanzieren. In Schweden und in Lettland werde das längst praktiziert, betonte Duggen. Dort gibt es auch spezielle Baggerschiffe, die den Schlamm abbauen, ohne ihn aufzuwirbeln.

Eine erste Analyse hat jedoch ergeben, dass sich der Schlamm als Brennstoff nicht ganz so gut eignet wie erhofft. Eine Probe aus dem Schleswiger Hafenbereich ergab einen Brennwert von 2,3 Megajoule pro Kilogramm. Das ist deutlich weniger als Rohbraunkohle (8 bis 11 Megajoule). Einen echten Rückschlag möchte Duggen darin allerdings nicht sehen. Erstens könne der Brennwert an anderen Stellen der Schlei höher liegen, zweitens lasse sich der Schlamm dann vielleicht umso besser für andere Dinge nutzen – zum Beispiel als Dämmmaterial im Hausbau.

Bis zur Umsetzung ist es indes noch ein weiter Weg. Es sind nicht nur technische Fragen zu klären, sondern auch die Frage, wer für die Ausbagger-Aktion überhaupt zuständig wäre. Eigentümerin der Schlei ist die Bundesrepublik Deutschland, und Vertreter der Bundesregierung waren mit dem Thema bislang nicht befasst. Fritz Laß, der Nestor der Schleswiger Naturschützer, ist ohnehin skeptisch: „Ich glaube nicht daran, dass aus der Sache viel rauszuholen ist.“ Viel wichtiger sei es, die weitere Nährstoffzufuhr in die Schlei zu reduzieren.

zur Startseite

von
erstellt am 15.Apr.2016 | 07:24 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen