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Schleswiger Nachrichten

17. Dezember 2017 | 20:53 Uhr

Amtsgericht : Revierkampf unter Jackpot-Jägern

vom

Zwei junge Männer, die es beide auf Hauptgewinne in den Spielhallen der Region abgesehen hatten, begegneten sich gestern vor Gericht

shz.de von
erstellt am 31.Mai.2013 | 03:59 Uhr

Schleswig | Wie die Sache mit der Jagd nach dem Jackpot genau funktioniert, das verrieten weder der Angeklagte noch der Zeuge. Beide waren im vergangenen Jahr offenbar dick im Geschäft. Sie fuhren von Spielhalle zu Spielhalle - nach Flensburg, nach Husum und noch weiter. Immer auf der Suche nach dem Hauptgewinn. Und sie versichern: Wenn man weiß, wie es geht, kann man bestimmten Automaten ansehen, dass sie sehr bald 150 Euro ausspucken oder sogar 500 Euro.

So weit ist das alles kein Fall für das Strafgericht. Es gibt zwar Spielhallenbetreiber, die Anzeige gegen Jackpot-Jäger stellen, weil sie Manipulation wittern, aber bisher ohne Erfolg. Im Amtsgericht saß gestern dennoch ein Jackpotjäger auf der Anklagebank - ein 26-jähriger Kleinunternehmer aus Schleswig. Er hatte einen Mitbewerber, der ihm das lukrative Geschäft zu verderben drohte, aus dem Markt drängen wollen.

Die beiden waren offenbar schon mehrmals verbal aneinander geraten. An einem Vormittag im Juni des vergangenen Jahres eskalierte die Sache. Vor einer Spielhalle in Süderbrarup sprang der Angeklagte zu seinem Konkurrenten ins Auto und schlug ihm mit der flachen Hand gegen den Kopf und stahl ihm einen Eimer mit 30 oder 40 Zwei-Euro-Münzen vom Beifahrersitz.

Im Verhandlungssaal des Amtsgerichtes trafen sich die beiden nun wieder. Zwei sehr unterschiedliche junge Männer. Der Angeklagte hat nie eine Berufsausbildung gemacht. Er stand als Teenager mehrmals vor dem Jugendrichter, wegen Körperverletzungen und Überfällen. Nach einem kurzen Arrest und mehreren Bewährungsstrafen verbüßte er schließlich eine Haftstrafe in der Schleswiger Jugendanstalt. Seit seiner Entlassung aus dem Gefängnis vor fünf Jahren war er nicht mehr straffällig geworden. Vor einem Jahr eröffnete er ein kleines Geschäft in der Innenstadt. Bisher, sagt er, reichten die Einnahmen gerade, um die Miete zu zahlen. Zum Gerichtstermin erschien er mit einer Stunde Verspätung und erst nachdem die Polizei ihn aus seiner Wohnung abgeholt hatte.

Der andere Jackpotjäger kam pünktlich. Er macht derzeit eine Ausbildung zum Erzieher. Im Zeitungsarchiv findet sich ein Foto, das ihn beim Paddeln in einem selbstgeschnitzten Einbaum zeigt. Im Zeugenstand sagte er, dass er am liebsten gar nichts sagen würde. Er habe den Angeklagten inzwischen in dessen Laden besucht, man habe sich ausgesprochen, und damit sei die Sache für ihn erledigt. "Es war vielleicht nicht die feine englische Art, was er gemacht hat. Aber ich kann ihn verstehen. Die Jackpot-Jagd war sein Geschäft, und auf einmal kamen wir Schnösel und machten ihm das kaputt." Wir - das sind er und ein Kumpel aus Angeln. Gemeinsam klapperten sie die Spielhallen in der Region ab. Manchmal hockten sie stundenlang vor einem Automaten und warteten auf den Moment, an dem sie meinten, dass er nun "auf Silber steht" oder "auf Gold steht" und bald den Hauptgewinn ausspuckt. Wenn man alles richtig anstelle, dann hole man "mit 90 Prozent Wahrscheinlichkeit" mehr Geld aus dem Automaten heraus, als man hineinstecke, versicherten beide Jackpot-Jäger.

Die 80 Euro in Zwei-Euro-Münzen, die der angehende Erzieher auf dem Beifahrersitz ("in einem ganz normalen Casino-Eimer") aufbewahrte, war die Hälfte eines Silber-Jackpots vom Vortag. Das Schöffengericht nahm dem Angeklagten ab, dass er es nicht gezielt auf dieses Geld abgesehen gehabt habe, als er in das Auto stieg. Deshalb wertete es seine Tat nicht als Raub, sondern als Körperverletzung, Nötigung und Diebstahl. Zusätzlich wurde der Angeklagte wegen des Besitzes von 26 Gramm Marihuana verurteilt. Den Stoff hatten Polizisten in seiner Wohnung gefunden, als sie nach dem gestohlenen Casino-Eimer suchten. Für alles zusammen gab es fünf Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung.

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