Retter der "Irren" und Wegbereiter der Psychiatrie

Hochangesehen: Carl Ferdinand Suadicani (1753 bis 1824) setzte sich unermüdlich für die Behandlung psychisch kranker Menschen ein.
Hochangesehen: Carl Ferdinand Suadicani (1753 bis 1824) setzte sich unermüdlich für die Behandlung psychisch kranker Menschen ein.

Auf Initiative des Arztes Carl Ferdinand Suadicani wurde 1820 in Schleswig die erste psychiatrische Klinik auf deutschem Boden eröffnet

shz.de von
21. Januar 2013, 08:02 Uhr

Schleswig | Mit seinem Namen ist die Geschichte der modernen Psychiatrie eng verknüpft: Der Mediziner Carl Ferdinand Suadicani zählt zu den herausragenden Pionieren eines Systems der menschenwürdigen Behandlung und Betreuung von psychisch Kranken, die bis dahin in Zuchthäusern weggesperrt wurden. Er war Initiator der auf dem Stadtfeld in Schleswig 1820 eröffneten "Irrenanstalt", der ersten reinen psychiatrischen Klinik im deutschsprachigen Raum. Dieser fortschrittlichen Einrichtung gehörte der Ideengeber und Gründer Suadicani bis zu seinem Tode als zielstrebiges Direktionsmitglied an.

Die familiären Wurzeln der Suadicanis liegen nicht - wie man aufgrund des Namens annehmen könnte - in Italien, sondern in Böhmen und Franken. Ein Spross der Familie, ein gelernter Apotheker aus Nürnberg, siedelte sich nach ausgiebiger Wanderschaft Anfang des 18. Jahrhunderts in Preetz an. Dort wurde Carl Ferdinand Suadicani am 17.Dezember 1753 als Enkel des einstigen Zuwanderers und als Arzt- und Apothekersohn geboren. 1770 begann der Junior an der Kieler Universität ein Medizinstudium. Er schloss es 1774 in Göttingen mit der Promotion zum Doktor der Medizin und Chirurgie ab.

Suadicani begann seinen beruflichen Werdegang in seiner Heimatgemeinde Preetz, in der er bis 1778 als freipraktizierender Arzt tätig war. Dann endlich konnte er in Glückstadt die Stelle als zweiter Stadtarzt antreten. In jener Zeit bekam er einen Einblick in die für ihn bedrückenden Verhältnisse in das "Zucht- und Tollhaus" in Glückstadt, in dem neben Zuchthäuslern auch Geisteskranke untergebracht waren. Von einer medizinischen Betreuung dieser Menschen konnte keine Rede sein.

Von 1782 bis 1793 amtierte Suadicani als Physikus der Ämter Segeberg, Traventhal und Neumünster. Erneut wurde er mit dem traurigen Los von psychisch Kranken konfrontiert, als er beauftragt wurde, Klagen über Zustände im "Zucht- und Tollhaus" in Neumünster nachzugehen und Verbesserungsvorschläge im Hinblick auf die medizinische Betreuung zu erarbeiten. Er kam zu der Erkenntnis, dass "vielen dieser Unglücklichen zu helfen" sei. Hier praktische Hilfe zu leisten, sollte seine Lebensaufgabe werden.

Doch zuvor wurde Suadicani von Herzog Friedrich Christian zu Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg angeworben. Einige Jahre war er in Augustenburg als Leibarzt tätig, dann wechselte er in gleicher Funktion nach Schleswig. 1801 wurde er nicht nur zum Physikus des Amts Gottorf und der Stadt Schleswig ernannt, er übernahm zugleich die medizinische Betreuung des Statthalters Landgraf Carl von Hessen. Doch weiterhin trieb ihn das Schicksal der "Irren" um, wie die psychisch kranken Menschen seinerzeit genannt wurden. Er verfasste eine aufrüttelnde Denkschrift "Betreffs der traurigen Lage der Irren in den Herzogthümern Schleswig und Holstein" und bestärkte damit die Regierung in Kopenhagen in ihren Plänen, in Schleswig-Holstein eine "Irrenanstalt" zu errichten. "Diesem Elend muß schnell abgeholfen werden", heißt es dazu in einem anderen Suadicani-Text.

Kopenhagen setzte daraufhin eine Fachkommission ein, die den Bau und die Einrichtung der Anstalt vorbereiten sollte. Diesem Gremium gehörte als eifrigster Befürworter eines solchen Hauses auch Suadicani an. Mit den Bauplänen wurde der große Baumeister Christian Frederik Hansen betraut. Er schuf in Kooperation mit Suadicani in Schleswig einen Gebäudekomplex im Stile des Klassizismus, der ein architektonisches Glanzstück darstellte und aus medizinischer Sicht den damaligen Ansprüchen genügte. Die Anstalt wurde 1820 eröffnet. Im ersten Jahr wurden 90 Patienten betreut, davon sechs als geheilt entlassen. Das Werk wirkt bis heute fort.

Suadicani war ein hochgeschätztes Mitglied des Schleswiger Bürgertums, Freimaurer im Sinne der Aufklärung und an fast allen gemeinnützigen Projekten in der Stadt beteiligt. Georg Friedrich Schumacher, langjähriger Direktor der Domschule, charakterisierte Suadicani als einen "Mann von hellem Verstande, von leichtem oft etwas scharfen Witz, von heftigem Temperament, selbst leidenschaftlich". "Seine Thätigkeit war rastlos; früh wach, spät zur Ruhe, was er begann, setzte er durch mit energischem Willen."

Suadicani begleitete und förderte die Entwicklung der "Irrenanstalt" hochengagiert und kräftezehrend - bis zu seinem Tod. Er starb am 22. Februar 1824 in Schleswig. Drei Straßen in Deutschland tragen den Namen Suadicani: Die in Schleswig ist nach dem Arzt Carl Ferdinand Suadicani benannt, die in Northeim nach seinem Sohn Andreas Victor Suadicani (Bürgermeister der niedersächsischen Stadt) und die in Berlin nach seinem Enkel Waldemar Suadicani (Baurat bei der Eisenbahnbaudirektion Berlin).

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