Hebammenwechsel in Treia : Renate Wolcke verlässt „Adebars Stuv“

Morgen erfolgt  die offizielle Übergabe: Renate Wolcke (rechts) mit ihrer Nachfolgerin Annika Meyer vor der „Baby-Wand“.
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Morgen erfolgt die offizielle Übergabe: Renate Wolcke (rechts) mit ihrer Nachfolgerin Annika Meyer vor der „Baby-Wand“.

Die einzige Hebamme im ganzen Kreis Schleswig-Flensburg, die Hausgeburten anbot, geht nach 44 Jahren in den Ruhestand – und übergibt ihre Kursstätte in Treia an Annika Meyer.

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20. Juni 2014, 17:00 Uhr

Sie hat sie zwar nie genau gezählt, doch es dürften gut und gerne 2500 gewesen sein. So viele Kinder hat Renate Wolcke auf die Welt geholt – in 44 Jahren. Und in dieser Zeit hat sie mindestens vier Mal so viele Frauen betreut – ein langes Arbeitsleben, das heute wohl nur noch wenige Hebammen zusammenbekommen. Seit fünf Jahren ist sie die einzige Hebamme im Kreis Schleswig-Flensburg, die Hausgeburten anbietet. Nun aber geht Renate Wolcke – verabschiedet sich in den Ruhestand. Schon vor zwei Jahren hatte die 65-Jährige, die in Schleswig geboren wurde und dort lebt, dies kundgetan, seitdem nach einer Nachfolgerin für ihren Hebammensitz „Adebars Stuv“ in Treia gesucht. Viele interessierte Hebammen sprangen ab, wollten sich der großen Herausforderung nicht stellen. „Adebars Stuv“ wird jedoch nicht leergeräumt: Annika Meyer übernimmt die Kursstätte zum 1. Juli, begleitet Wolcke schon seit einigen Monaten während ihrer Arbeit.

Anita hieß er, der erste kleine Erdenbürger, den Wolcke auf die Welt holte. 20 Jahre alt war sie da, hatte gerade erst ihre Hebammenausbildung in Hamburg begonnen. „Man war ja gleich mit im Kreißsaal, musste sofort ran“, erinnert sie sich und lacht. „So stand ich da und es hieß: ,Dann halt mal schön die Hände auf‘!“ Knapp 45 Jahre nach der ersten Geburt, erst vor drei Wochen, holte sie ihr letztes Kind auf die Welt, eine Hausgeburt in Flensburg. In all den Jahren, die sie Frauen entbunden hat, die Vor- und Nachsorge übernahm, Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungsgymnastik-Kurse anbot, holte sie sogar mehrmals den Nachwuchs von Kindern auf die Welt, deren Geburt sie viele Jahre zuvor auch schon begleitet hatte. „Natürlich hat man über die Jahre Routine“, sagt Wolcke, „aber jede Geburt, jede Frau und jedes Kind ist anders“. Sie war stets Hebamme mit Leib und Seele, es war ihre Berufung. Des Geldes wegen könne man diesen Beruf nicht ausüben, das sei ganz klar. Und aus politischer und bürokratischer Sicht sei er wahrlich kein Zuckerschlecken, vor allem in den vergangenen Jahren würden Hebammen immer mehr Steine in den Weg gelegt, ob nun in Bezug auf ihre Bezahlung oder die horrenden Versicherungsbeiträge, die sie stemmen müssen. Doch Wolcke blickt mit Freude auf ihre „schöne, ausgefüllte Berufszeit“ zurück, sagt: „Wir Hebammen können so was wuppen, wir sind ja eine ganz besondere Spezies Frauen.“ Und sie betont: „Ich fand es immer toll, dass ich Frauen helfen, begleiten und beraten durfte.“

Wolcke war für ihre Frauen 24 Stunden, zu jeder Tages- und Nachtzeit da – auch, wenn der gesetzliche Anspruch auf Nachsorge längst erloschen war und sie somit nicht dafür bezahlt wurde. Und sie verließ nicht selten die Grenzen des Kreises, entband auch Frauen in Nordfriesland. Wolckes Tochter Thora Maren Renouf (23) kann ein Lied davon singen, wie gefragt ihre Mutter war. „Sie hatte oft plötzlich Frauen am Telefon, die loserzählten über ihre Gebärmutter und was weiß ich noch alles“, sagt Wolcke lachend. „Und wenn ich ein Baby ,auf Lager‘ hatte, dann mussten meine Kinder auch oft auf mich verzichten.“ Aufregend findet Wolcke es, ihre Tätigkeit nun aufzugeben, doch sie freut sich auf die Zeit danach, ist vor allem erleichtert, dass in „Adebars Stuv“ nicht für immer die Lichter ausgehen. Seit 1993 nutzte sie Räume in der Turnhalle in Treia, weil sie in Schleswig keine passenden gefunden hatte, und 1997 gründete sie dann ihre Kursstätte in der Treenestraße.

Ab dem 1. Juli ist diese das Reich von Annika Meyer. Die 30-jährige Flensburgerin, die in Treia lebt und wie Wolcke zwei Kinder hat, hat gerade ihre Hebammenausbildung in Duisburg beendet und wird auch Hausgeburten betreuen. Ihr zur Seite steht die Stillberaterin und Babymassage-Kursleiterin Christel Möller aus Treia. „Renate und ich waren immer ein tolles Team – und jetzt können wir sagen: Renate geht, Anni kommt, und ich bleibe.“ Möller findet es immens wichtig, dass eine Einrichtung wie „Adebars Stuv“ erhalten bleibt, „denn sonst haben Frauen irgendwann gar keinen Ansprechpartner mehr, und sie wären dazu verdonnert, in Kliniken zu entbinden.“ Meyer fügt hinzu: „Das spontane nach Rat fragen, oder auch die Stillbegleitung zu Hause, würden dann nicht mehr möglich sein, weil dazu Hausbesuche nötig sind.“ Sie sagt, es sei „eine Riesenchance, so etwas Bekanntes wie ,Adebars Stuv’ weiterzuführen“. Natürlich sei die Selbstständigkeit als Hebamme ein Risiko, doch ihre Familie stehe voll und ganz hinter ihr. Sie hofft, schnell das Vertrauen zahlreicher Frauen gewinnen zu können, „ich habe ein gutes Gefühl“. Die Zeit, die sie noch mit Wolcke zusammenarbeite, sei sehr wertvoll. „Das Wissen, das in dieser Frau steckt, kriegt man ja nirgendwo anders.“

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