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Schleswiger Hexen-Prozesse : Rehabilitiert nach 465 Jahren?

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Mit einer Aktion auf dem Rathausmarkt will Jens Nielsen am Sonnabend auf einen dunklen Punkt in der Stadtgeschichte aufmerksam machen.

shz.de von
erstellt am 28.Sep.2013 | 07:45 Uhr

„Freya“ und „Frigga“ sind schon da. Die beiden Hexengestalten an der Decke des Doms mahnen die Heutigen an das ungeheure Leid, das der Hexenwahn früherer Jahrhunderte über die Menschen gebracht hat – auch in Schleswig. Nur ein Beispiel: Vor 465 Jahren wurden die drei Frauen Lene, Annen und Metke vom Schleswiger Stadtgericht verurteilt, in einem Holzofen an einen Pfahl gebunden und bei lebendigem Leibe verbrannt.

Dieses Unrecht soll jetzt eine späte Sühne erfahren. In der Stadt hat sich unter Federführung des Kielers Jens Nielsen eine Arbeitsgruppe gebildet, die eine Rehabilitation der, wie Nielsen sagt, „mindestens 38“ Frauen betreibt, die wegen „Hexerei“ widerrechtlich zu Tode gebracht wurden. Der erste hiesige „Prozess“ ist für das Jahr 1548 belegt. Und der Scheiterhaufen stand häufig auf dem Rathausmarkt.

Genau dort werden Nielsen und seine Gruppe am heutigen Sonnabend um 16 Uhr in einer Performance an das Geschehen erinnern; ein Team des NDR will das verfolgen. Die Frage ist jedoch: Wie kann man darüber hinaus diesem „dark spot“ in der Geschichte Schleswigs gerecht werden? Nielsen hat dazu die Fraktionen der Ratsversammlung, die Kirchen, Gerichte und den Bürgermeister um eine Stellungnahme gebeten.

Von Thorsten Dahl kam die Rückmeldung in Form einer Frage: „Was halten Sie von der Idee, am Rathausmarkt per Tafel auf die Prozesse aufmerksam zu machen?“ Bei einem Treffen mit den Fraktionschefs will Dahl das Thema in der nächsten Woche weiter ventilieren.

Die beiden potenziellen Dahl-Nachfolger haben sich gegenüber den SN dazu geäußert. Frank Neubauer (CDU) spricht von einer „lobenswerten Initiative“; wichtiger ist ihm jedoch, „dass sich gerade junge Leute mit dem Thema beschäftigen“. Er kann sich dazu am besten ein Schul-Projekt vorstellen.

Ähnlich Arthur Christiansen, Bürgermeisterkandidat von SPD, SSW und Grünen. Er vertritt die Auffassung, dass „das Aufstellen einer Gedenktafel nicht ausreicht“. Die Geste müsste anderweitig noch „unterfüttert“ werden. Auch Altbürgermeister Klaus Nielsky, Vorstand der Gesellschaft für Stadtgeschichte, hält das Projekt für „wichtig“ und eine Rehabilitation der unrechtmäßig zu Tode Gekommenen für „denkbar“.

Ob nun moralisch oder sogar formaljuristisch, ist derzeit offen. Sicher ist nur: Schleswig befände sich mit der Aktion in bester Gesellschaft. Weltweit werden die Hexenprozesse geächtet. Und in Deutschland haben sich bereits über 20 Städte, darunter auch Köln, zur Rehabilitation entschlossen. Der dortige Erzbischof allerdings hielt sich bedeckt. Insofern mahnen „Freya“ und „Frigga“, die Hexen im Schleswiger Dom, noch weiter.

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