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Cannabis-Ersatz? : Rätselraten um Hortensien-Klau

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Immer wieder werden Privatgärten heimgesucht. Experten streiten über Wirkung von Giftstoffen.

Als Inge Jepsen ihren Garten in Schuby betritt, um sich ihrem Hobby zu widmen, fällt ihr der Schaden an dem Hortensien-Strauch sofort auf. Alle Blüten sind verschwunden. „Da waren diese Diebe wieder unterwegs“, klagt sie. Ein Strauch reichte ihnen auch nicht. Alle vier hinter Jepsens Haus sind kahl geschnitten. Bei den Nachbarn sieht es nicht anders aus. Inge Jepsen ist genervt. Wer die Tat begangen hat, kann sie nicht sagen. Ehemann Hans hat aber eine Vermutung: „Wenn die Süchtigen keinen Stoff mehr haben, werden sie eben erfinderisch.“

Was er meint, wurde schon von mehreren Zeitungen berichtet: Jugendliche schneiden die Blüten der Hortensien ab, um ihre Blätter wie Cannabis zu rauchen. Diese Vermutung findet sich vorrangig im Internet und mag nahe liegen, Beweise für die berauschende Wirkung gebe es aber keine, sagt Markus Langenkämper von der Polizei Flensburg. „Das Thema wird jedes Jahr an uns herangetragen“, erklärt der Beamte. Im Kreis habe es aber noch keinen Fall hortensien-berauschter Jugendlicher gegeben.

Wonach die Diebe suchen, bleibt ein Rätsel. Ein Wirkstoff wie bei Cannabis konnte in den Hortensien bisher nicht festgestellt werden, sagt Gerd Ehmen, Präsident des Apothekerverbandes Schleswig-Holstein. Arndt Michael Oschinsky bestätigt seine Aussage. Dem ärztlichen Direktor und Chefarzt der Psychatrie im Helios Klinikum Schleswig ist auch keine berauschende Wirkung bekannt. „Es gibt natürlich den Placebo-Effekt“, sagt er, aber ein Rausch sei schon noch etwas anderes. Das Rauchen der Blüten solle man aus anderen Gründen sein lassen: „Dabei besteht Lebensgefahr“, erklärt der Chefarzt. Der entstehende Rauch enthalte Blausäure. Die könne schon bei geringen Mengen zum Tod führen, weil sie die Sauerstoffzufuhr zum Blut blockiere.

Jedoch sind sich die Experten uneinig. Andreas Schaper, stellvertretender Leiter des Gift-Informationszentrums Nord (GIZ), sagt, er kennt keine Fakten, die darauf schließen lassen, dass beim Rauchen von Hortensien Blausäure entsteht. „Die Wahrscheinlichkeit, dass sich jemand damit ernsthaft schadet, ist sehr gering“, sagt der Gift-Experte. Bei über 200 Vergiftungsfällen mit Hortensien, die beim GIZ Nord festgehalten wurden, gab es keinen mit schweren Konsequenzen. „Am schlimmsten hat es einen Hund getroffen, der sich mehrfach übergeben musste, nachdem er zufällig ein paar Blüten gefressen hatte“, erinnert sich Schaper.

Dass die Blüten absichtlich abgeschnitten werden, um sie zu rauchen, könne man dennoch nicht ausschließen, sagt Gerd Ehmen. „Wir müssen davon ausgehen, dass Einer immer für eine Initialzündung sorgt“, vermutet der Apotheker-Präsident. Nachahmer gebe es dann zur Genüge. Wolfgang Grote vom Suchthilfezentrum Schleswig weiß, dass selbst auf Hanfplantagen, die nur zur Herstellung von Kleidung genutzt werden, massenhaft versucht wird, Pflanzen aus dem Boden zu reißen. „Da stehen sogar Schilder mit der Aufschrift: ,Ich wirke nicht!’. Aber das scheint die Leute gar nicht zu interessieren“, berichtet der Suchthelfer.

Hans und Inge Jepsen stört die jugendliche Experimentierfreude nicht. Sie wollen einfach nur, dass die Raubzüge aufhören. „Es ist schon beunruhigend zu wissen, dass hier nachts irgendwer um das Haus herumläuft“, sagt Hans Jepsen. Und: Die Nachbarin nehme ihre Pflanzen jetzt aus dem Garten, berichten die Jepsens. Sie hätten genug von den Plünderungen, die sich bei ihr seit Jahren wiederholen.

Die Polizei verfolgt Hortensien-Anzeigen nicht, sagt Langenkämper. Eine Straftat sei es nur, wenn auch die Wurzel mit abgetrennt werde. Ansonsten gehe man von Rehen oder Kaninchen als Tätern aus.

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erstellt am 16.Jan.2014 | 16:45 Uhr

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