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Alfred Koltermann : Psychiatrie-Opfer fährt nach Berlin

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Alfred Koltermanns Kampf um Entschädigung für seine Leidenszeit auf dem Hesterberg geht weiter. Am Mittwoch ist er Gast im Berliner Familienministerium.

von
erstellt am 09.Sep.2015 | 07:57 Uhr

Heute ist ein aufregender Tag für Alfred Koltermann. Um 5.29 Uhr in der Frühe steigt er am Mittwoch am Schleswiger Bahnhof in den Regionalexpress nach Hamburg. Von dort geht es weiter mit dem ICE nach Berlin. Um 11 Uhr wird er im Bundesfamilienministerium erwartet. „Ich konnte mich in dieser Woche bei der Arbeit gar nicht richtig konzentrieren, weil ich immer an Berlin denken musste“, sagt der 63-Jährige, der im Landeskrankenhaus auf dem Hesterberg aufwuchs, kaum lesen und schreiben kann und heute im Gartenbau arbeitet.

Seit Jahren kämpft er dafür, dass das Leid, das er in der Psychiatrie erfahren hat, offiziell anerkannt wird. Seine Berlinreise ist der vorläufige Höhepunkt dieses Kampfes, und es sieht so aus, als sollte er zumindest teilweise erfolgreich sein. Nach einem langen Ringen stehen Bund und Länder kurz davor, sich auf einen Entschädigungsfonds für Menschen wie Alfred Koltermann zu einigen.

Das letzte Wort soll im Dezember in einem Gespräch zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Ministerpräsidenten der Länder fallen. Bis dahin sind noch einige offene Fragen zu klären. Der Termin am heutigen Mittwoch ist eine offizielle Anhörung von Wissenschaftlern, Interessenvertretern und Betroffenen. Koltermann ist einer dieser Betroffenen. Denn mit seinem Engagement ist er längst auch den Fachleuten in der Hauptstadt aufgefallen. Unter anderem hatte sich die Lürschauer CDU-Bundestagsabgeordnete Sabine Sütterlin-Waack für ihn eingesetzt.

Nun wird Koltermann vor den Regierungsvertretern aus Bund und Ländern berichten, was er in den vergangenen Monaten schon in den SN und anderen Medien erzählt hat: Wie er und seine Mitbewohner von brutalen Pflegern geschlagen wurden, wie in der Nacht Männer in den Schlafsaal kamen und die Kinder sexuell missbrauchten. Wie er und die anderen Jungen deshalb vor Angst zu Bettnässern wurden – und dafür von den Pflegern wiederum hart bestraft wurden – und wie die Ärzte im Landeskrankenhaus von alledem über Jahre hinweg offenbar nichts mitbekamen.

Koltermann hofft, dass sein Auftritt im Ministerium mehr ist als nur Folklore. Er möchte noch etwas ändern an dem Konzept, wie es jetzt auf dem Tisch liegt. Denn zu hundert Prozent zufrieden ist er nicht. Sein Kampf begann, als er vor einigen Jahren von dem Entschädigungsfonds für Menschen hörte, die in Kinder- und Jugendheimen aufwuchsen. Auch dort wurden Kinder in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik gedemütigt und gequält.

Mit ihnen hoffte er nun gleichbehandelt zu werden. Dazu wird es aber nach den bisherigen Plänen nicht kommen. Offen ist dabei, ob er im Ergebnis tatsächlich schlechter abschneidet. Insbesondere was seine Rentenansprüche angeht, hatte sich Koltermann jedoch mehr erhofft. Er hat als Jugendlicher unter anderem im Gemüsegarten des Landeskrankenhauses gearbeitet. Als Erwachsener leistete er in Kropp so genannte „Therapie-Arbeit“, und zwar fast sein halbes Arbeitsleben hindurch bis 1990. Dafür erhielt er ein kleines Taschengeld, aber sein Arbeitgeber zahlte keine Sozialversicherungsbeiträge. Entsprechend niedrig fallen Koltermanns Rentenansprüche nun aus. Daran wird auch die Entschädigungszahlung nichts ändern. Für ihre entgangenen Rentenansprüche sollen die Betroffenen zwischen 3000 und 6000 Euro bekommen. Hinzu kommt eine Entschädigung für das erlittene Unrecht. Insgesamt könnte Koltermann bis zu 13  000 Euro erhalten. Dieses Geld soll nicht gegen andere Sozialleistungen aufgerechnet werden, sondern den Betroffenen vollständig zu Gute kommen. Wenn Bund und Länder sich rechtzeitig einigen, könnte Alfred Koltermann schon im nächsten Jahr einen entsprechenden Antrag stellen. Experten rechnen mit bundesweit rund 80  000 Anspruchsberechtigten.

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