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Schleswig : Prozess gegen Chinakoch: Gutachten mit Hindernissen

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Im November fällt das Urteil gegen den China-Koch aus Schleswig, der mit seinem Gemüsemesser einen Kollegen schwer verletzt hatte.

von
erstellt am 28.Okt.2015 | 12:43 Uhr

Als Ende September vor dem Flensburger Landgericht der Prozess gegen einen 32-jährigen Koch aus dem China-Restaurant am Wikingturm begann, da wusste auch der Psychiater Dr. Andreas Zyzik kaum, was er von dem Angeklagten halten sollte, der am Gründonnerstag einen Kollegen mit einem Gemüsemesser so schwer verletzt hatte, dass dieser für mehrere Tage im Krankenhaus lag.

Vor dem Prozess war der Angeklagte nicht bereit, mit dem Psychiater zu sprechen. Inzwischen hat sich das geändert, und so konnte Zyzik gestern sein Gutachten vorlegen. Das Ergebnis: Er leidet an einer paranoiden Schizophrenie. An seiner vollen Schuldfähigkeit bestehen erhebliche Zweifel. Akut ausgebrochen ist die psychische Krankheit allerdings erst, als der Prozess bereits begonnen hatte. Das Verhalten des Angeklagten vor der Tat, seine Stimmungsschwankungen, seine Verschlossenheit und auch die Tat selbst, als der Mann plötzlich seinen Kollegen attackierte, weil der das Personal-Essen nicht pünktlich zubereitet hatte – das alles hätte zum damaligen Zeitpunkt „kein Psychiater der Welt als Symptom einer Schizophrenie deuten können“, sagte Zyzik.

Im Nachhinein könne man jedoch Anzeichen einer beginnenden Schizophrenie erkennen. Denn was danach geschah, das lässt aus Sicht des Gutachters an dieser Diagnose keinen Zweifel. Wie berichtet, hatte der Angeklagte im Flensburger Gefängnis die Vollzugsbeamten mit seinem sonderbaren Verhalten irritiert. Er verlangte eines Morgens eine Million Euro (nach anderen Angaben auch 10 Milliarden) in bar vom chinesischen Staatschef Xi Jinping und begann, wild um sich zu schlagen. Erst danach, als der Chinakoch gefesselt im Krankenhaus lag und mit Medikamenten ruhig gestellt war, konnte der Psychiater erstmals mit ihm reden. Ein zweites Gespräch folgte einige Tage später, als der Mann in die geschlossene Psychiatrie in Neustadt (Ostholstein) verlegt war.

„Beide Termine gestalteten sich schwierig“, berichtete Zyzik. „Klare Fragen und Antworten waren nur in kurzen Phasen möglich.“ Teilweise war das, was der Mann auf Chinesisch sagte, so wirr, dass die Dolmetscherin Mühe hatte, irgendetwas zu übersetzen. Anscheinend war er weiterhin überzeugt, dass er dringend mindestens eine Million in bar braucht, und zwar – so gab es der Psychiater wieder – „um sich von seiner Schuld freizukaufen“. An seinen Staatspräsidenten wandte er sich, „weil der Staat so viel Geld hat und seinen Bürgern helfen muss“. Zyzik nannte noch viele weitere Beispiele für seltsames Verhalten. So beobachteten Pfleger in Neustadt, wie der Koch in seinem Krankenhauszimmer mehrere Gläser mit Wasser füllte und dann nacheinander aus ihnen trank.

Der Mann, der vor zwei Jahren aus einem Dorf in Zentralchina nach Deutschland gekommen war und in Schleswig weitgehend isoliert lebte, berichtete immer wieder, er habe Heimweh. Möglich, dass dies der Auslöser für seine psychische Krankheit war.

Wie das Gericht mit dieser Diagnose umgeht, wird es am 16. November entscheiden. Dann fällt das Urteil. Zyzik geht davon aus, dass der Angeklagte auch in Zukunft eine Gefahr für die Allgemeinheit sein wird. Eine Chance auf ein normales Leben hätte er wohl nur, wenn er in stabilen sozialen Verhältnissen lebt und regelmäßig Medikamente nimmt. Aber selbst das sei nicht sicher, so Zyzik.

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