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Familien-Meierei in Kropp : Preis-Verhandlung am Frühstückstisch

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Gunda und Jörn Sierck betreiben in Kropp ihre eigene kleine Meierei.

von
erstellt am 28.Jan.2016 | 07:40 Uhr

Die Prognose ist für Milchbauern nicht gerade erfreulich: Während der Grünen Woche in Berlin sagte der Milchindustrieverband ein weiteres Absinken der ohnehin niedrigen Milchpreise voraus. Schon jetzt bekommen die Bauern von den großen Meiereien weniger als 30 Cent pro Liter – und machen damit dauerhaft Minus.

Gunda und Jörn Sierck betreiben bei Kropp einen Hof in fünfter Generation. Nach dem missglückten Milchstreik 2008 haben sie ihr Berufsleben selbst in die Hand genommen. „Es wurden Zusagen gemacht und nicht eingehalten, wir waren nach wie vor von den großen Meiereien abhängig. Und das wollten wir nicht mehr“, sagt Jörn Sierck. 2010 wurde auf dem einsam zwischen Kropp und Tetenhusen gelegenen Hof die Meierei Geestfrisch eröffnet. „Wir haben uns bewusst dagegen entschieden, uns einfach nur zu vergrößern. Das hätte nicht wirklich etwas daran geändert, dass wir abhängig sind. Deshalb sind wir den Weg der Selbstvermarktung gegangen,“ ergänzt Gunda Sierck. Immer wieder werde den Bauern erklärt, sie seien Unternehmer. „Aber was sind das für Unternehmer, die produzieren, ohne zu wissen, welchen Preis sie für ihre Produkte bekommen?“

Der Familienbetrieb ist inzwischen zumindest zu einem großen Teil von den großen Meiereien unabhängig. Ein Drittel der Milch von den 80 Kühen wird für eigene Produkte der Marke Geestfrisch verwendet. Leitprodukt ist nach wie vor die frische Vollmilch. Sie wird in der eigenen Hofmeierei nach traditionellem Verfahren schonend pasteurisiert und hat einen natürlichen Fettgehalt von mindestens 3,8 Prozent. Auf das Homogenisieren verzichtet die Familie – ebenso wie auf gentechnisch behandelte Futtermittel. „Wir setzen auf Spitzenprodukte, kurze Wege und frische Ware“, sagt Gunda Sierck, die die Selbstvermarktung unter sich hat, während Ehemann Jörn den Hof leitet. In der Anfangsphase hatte er noch gedacht, dass seine Frau sich zusätzlich wie zuvor um die Kälber kümmern könne – das aber hat sie ihm schnell ausgeredet. „Wir haben den zusätzlichen Aufwand für die Arbeit selbst schon ganz gut eingeschätzt. Was wir total unterschätzt haben, ist der unglaublich große Anteil von Papierkram. Bei uns arbeiten inzwischen insgesamt zehn Leute, mein Arbeitstag liegt aber immer noch bei zwölf bis 14 Stunden“, sagt Gunda Sierck.

Sie ist froh darüber, dass das Geschäft nicht allzu schnell gewachsen ist. „Wir mussten sehr viel lernen“, sagt sie im Rückblick: Umgang mit Kunden, Verhandlungen mit Geschäftspartnern, Marketing und Produktentwicklung – das hatte es in dieser Form zuvor auf dem Hof nicht gegeben.

Zu den Geschäftspartnern von Gunda Sierck gehört auch ihr Mann Jörn. Er ist ihr Lieferant – und am Frühstückstisch wird über Preise für die Milch verhandelt. Aber die werden, anders als früher, nicht einfach diktiert. „Ich achte natürlich darauf, dass die Preise für den Hof kostendeckend sind“, sagt die Geschäftsfrau. Ihr Mann lächelt dazu.

Gunda und Jörn Sierck sind sich bewusst, dass ihr Geschäftsmodell kein Allheilmittel für unrentable Höfe ist. Schon allein, weil sie eine Marktlücke abdecken, die recht klein ist. Zudem erfordert der Schritt eine gute Portion Risikobereitschaft, die Fähigkeit, sich auf neue Herausforderungen einzustellen und vor allem eine große Offenheit gegenüber anderen Menschen. „Wer etwas verkaufen möchte, muss überzeugend sein. Das beinhaltet für Gunda Sierck auch, dass er von seinem Produkt überzeugt sein muss.

Geestfrisch beschränkt das Sortiment inzwischen längst nicht mehr auf Milch, Joghurt und Quark. Es gibt Käse aus der eigenen Milch, Butter, Mixgetränke, Dickmilch, Molke, Frischkäse – und eigenes Eis, das Gunda Sierck unter der Marke „Geesa’s Eis“ selbst produziert, und das in vielen Restaurants angeboten wird.

95 Prozent des Umsatzes macht Geestfrisch mit seinem Lieferservice, dem „Milchtaxi“, das regelmäßig in dem Dreieck zwischen Rendsburg, Eckernförde und Schleswig unterwegs ist und die bestellten Waren frei Haus liefert. Dabei handelt es sich ausschließlich um eigene Produkte. Die sind seit einigen Monaten auch in dem kleinen Hofladen in einer schwer zu findenden Sackgasse (Fuhlreit 4, Kropp) nahe der Landesstraße zwischen Kropp und Tetenhusen zu finden. „Die wahren Schätze liegen eben im Verborgenen“, sagt Gunda Sierck. Sie hofft, dass sich die Qualität herumspricht und der Laden weiter an Bekanntheit gewinnt. Dort werden nicht nur die eigenen Produkte angeboten, sondern auch Fleischwaren, Honig, Eier, Gänse und Likör – alles handverlesen und aus der Umgebung. Es soll ja schließlich alles zusammenpassen.

Gunda und Jörn Sierck haben sich aus Überzeugung auf das Abenteuer Selbstvermarktung eingelassen – und um ihren drei Söhnen eine Perspektive zu geben. Das scheint gelungen zu sein – zwei stehen in den Starlöchern, um den Hof irgendwann zu übernehmen. „Das wird aber sicher noch einige Jahre dauern“, sagt Jörn Sierck. Eilig haben es weder er noch seine Frau – auch weil sie es schaffen, dem Hof in regelmäßigen Abständen einmal den Rücken zu kehren. „Wir versuchen, ein- bis zweimal im Jahr Urlaub zu machen“, sagt Gunda Sierck, „aber auch das mussten wir erst lernen.“

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