zur Navigation springen
Schleswiger Nachrichten

17. Dezember 2017 | 07:56 Uhr

Schleswig : Posse um den Polierteich

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Bei einer Kontrolle hat sich kein Auto an die vorgegebene Schrittgeschwindigkeit gehalten – deswegen darf man in der Straße künftig schneller fahren.

von
erstellt am 07.Jun.2016 | 16:00 Uhr

Manchmal muss man die Dinge einfach mal beim Namen nennen. „Die wollen uns doch verarschen“, sagt Rolf-Dieter Meyer also und ist danach kaum noch zu bremsen. „Unfassbar. Das ist doch unfair. Wie kann man sowas machen?“, sprudelt es förmlich aus ihm heraus. Was den 74-Jährigen so sehr aufregt: Die Stadt will die erlaubte Höchstgeschwindigkeit in seiner Straße, dem Polierteich, hochsetzen – obwohl er und seine Nachbarn seit Jahren darum kämpfen, dass die Raserei vor ihrer Haustür aufhört.

Sie haben bereits unzählige Briefe und E-Mails geschrieben, waren im Rathaus vorstellig oder haben angerufen. Inzwischen stehen die Anwohner sogar mit dem Kieler Verkehrsministerium regelmäßig in Kontakt. Denn, darin sind sich alle einig, es wird zu schnell gefahren im Polierteich. Dabei ist die Straße, die besonders im oberen Bereich so eng ist, dass die Hauseingänge und -treppen direkt auf die Fahrbahn führen, seit Jahrzehnten als verkehrsberuhigter Bereich (blaues Schild „Spielstraße“) ausgewiesen. „Das Problem ist: Es hält sich niemand daran“, betont Meyers Nachbar Hartmut Röhl (56).

Diese bislang nur subjektive Wahrnehmung kann er inzwischen auch mit Zahlen untermauern: Bereits am 10. Februar wurde in der Straße – nach mehrfacher Bitte der Anwohner – zehn Stunden lang die Geschwindigkeit gemessen. Dabei wurden 320 Fahrzeuge erfasst. Ergebnis: Keines hielt sich an die vorgegebenen vier bis sechs Stundenkilometer. Die meisten fuhren zwischen 20 und 40 km/h.

Was zumindest in ihren Augen Wasser auf ihre Mühlen zu sein schien, wird für die Polierteich-Nachbarschaft nun aber zum Bumerang. Denn als Folge der Messergebnisse will die Stadt aus dem verkehrsberuhigten Bereich jetzt eine Tempo-20-Zone machen. Darauf hat sich die sogenannte 45er-Runde (benannt nach dem Paragrafen 45 der Straßen-Verkehrsordnung), in der Vertreter der Polizei und der Stadt sitzen, bereits im März geeinigt. Anfang Mai wurden auch die Mitglieder des städtischen Bauausschusses darüber informiert. Demnach wurde festgestellt, dass „die bauliche Gestaltung und die Gesamtsituation den typischen Charakter für die Anordnung eines verkehrsberuhigten Bereiches“ nicht erfülle. „Vielmehr gibt die derzeitige Gestaltung eher den Eindruck einer 30er-Zone wieder“, heißt es in einem Vermerk des zuständigen Bauamtes. Das sei insbesondere für Kinder gefährlich, die sich darauf verlassen würden, dass es sich um eine Spielstraße handele. Um aber den Polierteich auch optisch in eine solche umzugestalten, wären erhebliche Umbauarbeiten erforderlich, was wiederum vor dem Hintergrund der angespannten Finanzlage der Stadt „nicht darstellbar“ sei.

Die betroffenen Anwohner verstehen derweil die Welt nicht mehr. „Das alles stellen die jetzt ganz plötzlich fest? Das kann’s doch nicht sein“, schimpft Hartmut Röhl. Schließlich sei die Straße schon seit 20 Jahren verkehrsberuhigt. Dass man dort künftig offiziell 20 statt Schrittgeschwindigkeit fahren dürfe, würde am Ende dazu führen, dass die Autofahrer noch kräftiger aufs Gaspedal treten als bislang. „Die Hemmschwelle ist dann doch viel geringer. Man kennt das ja selber. Da wo 50 ist, fährt man auch mal 60.“

Nicht nur die Sache an sich regt Röhl, Meyer und die anderen Nachbarn auf. Auch die aus ihrer Sicht mal wieder mangelhafte Informationspolitik der Stadt. Am 1. Februar hatten sie letztmalig einen Brief aus dem Rathaus erhalten, der folgendermaßen endete: „Sobald die Messergebnisse und eine Entscheidung vorliegen, werden wir Sie unaufgefordert darüber informieren.“ Stattdessen mussten die Anwohner jedoch selbst im Internet recherchieren. „Nach unserer Meinung hat mal wieder keiner gefragt“, sagt Rolf-Dieter Meyer, der dafür im Sitzungsprotokoll des Bauausschusses nachlesen konnte, dass zumindest weitere sogenannte „Kölner Teller“ auf der Fahrbahn angebracht werden sollen, um den Verkehr zu bremsen. Viel mehr würden er und seine Nachbarn sich aber darüber freuen, wenn aus der Durchgangsstraße Polierteich eine Sackgasse gemacht würde. Das jedoch lehnt die Stadt ab, weil es im unteren Bereich keine Wendemöglichkeit gebe. Dazu Hartmut Röhl: „Das ist Quatsch. Schon jetzt können dort sogar größere Lkw wenden. Die passen ohnehin nicht zwischen den Steinpollern durch, die in Höhe des Wasserrades stehen.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen