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Schleswig-Flensburg : Polizei: „Die Decke ist an allen Enden zu kurz“

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Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Mit der Umstrukturierung der Polizei im Norden sind längst nicht alle Probleme gelöst. Viele Dienststellen wurden zusammengelegt, die Stellenzahl bleibt konstant.

shz.de von
erstellt am 05.Nov.2014 | 07:45 Uhr

Den Schutzmann sucht man im Stadtbild längst vergebens und auf den Dörfern den Dorfpolizisten – die letzte Ein-Mann-Polizeistation im Kreisgebiet wurde in diesem Sommer in Medelby geschlossen. Die Beamten in den übriggeblieben Polizeistationen sind schlecht zu erreichen. Die mangelnde Präsenz der Sicherheitskräfte auf den Straßen verunsichert viele Menschen. Sie haben das Gefühl, dass sich die Polizei aus der Fläche zurückzieht und fürchten weiteren Personalabbau. Dem ist nicht so, sagt Jörn Tietje, stellvertretender Leiter der Polizeidirektion Flensburg. Auf der Mitgliederversammlung des Kreisverbandes des Schleswig-Holsteinischen Gemeindetages in Tarp erläuterte er die aktuelle Organisation der Polizei und stellte klar, wo es bei den Sicherheitskräften klemmt.

Im Zuge der Umsetzung des Polizeiorganisationsgesetzes wurden die Polizei-Direktionen Flensburg und Husum zusammengelegt und werden nun von Flensburg aus geführt. Drei Jahre standen sämtliche Strukturen auf dem Prüfstand, mit dem Ziel, aus den vorhandenen Ressourcen das Beste für den Bürger und die Beamten herauszuholen. Das Ergebnis ist unter anderem ein neuer Personalverteilungsschlüssel. Und, so Tietje, schnellere Reaktionszeiten in Notfällen.

„Die Polizei ist Teil des dörflichen Lebens gewesen“, sagte Tietje. Doch der Schwund im ländlichen Raum betreffe auch die Polizei, den Dorfschutzmann gebe es nicht mehr. Und auch die Menschen hätten sich verändert. „Die Akzeptanz der Polizei geht zurück, die Gewalt gegen Beamte nimmt zu“, stellte er fest. „Das Wort der Polizisten gilt nichts mehr. Wir wollen nicht, dass die Beamten Einsätze alleine fahren. Wir wollen Kollegen nicht mit dem Rücken an der Wand stehen haben.“

Zur Eigensicherung der Einsatzkräfte rücken sie nur noch in Doppelstreifen aus. Früher musste, wenn in Kappeln oder dem östlichen Angeln Not am Mann war, eine zweite Streife aus Schleswig, Flensburg oder Eckernförde anrücken, heute gibt es für diese Fälle eine Wache in Steinbergkirche. Bei einem Notruf über 110 sei die Polizei auch in der Nacht schnell vor Ort. Hinzu komme die Verpflichtung, Schwertransporte zu begleiten. Zwei bis drei Streifen seien jede Nacht im Einsatz.

Das Personal fehle am Tag, um Präsenz zu zeigen. Dies wirke sich negativ auf die Erreichbarkeit der Polizeidienststellen im ländlichen Raum aus, ein Problem, das die Polizeiführung bisher nicht lösen konnte. Größere Dienststellen wie in Tarp oder Kappeln seien immer gut erreichbar, die kleinen in der Fläche mit fünf oder sechs Beamten könnten aber nicht zu jeder Zeit besetzt werden. Besonders schwierig sei die Situation im südlichen Kreisgebiet und in Teilen Nordfrieslands, in Südtondern etwa gebe es drei Dienststellen für eine riesige Fläche. In Erfde werde die Vorgabe, Stationen mit mindestens fünf Beamten zu besetzen, nicht eingehalten. Hätte man aber die Station geschlossen, gäbe es im südlichen Kreis einen riesigen weißen Fleck auf der Polizei-Landkarte, deshalb genießt der Standort Erfde Bestandsschutz. Ein Lösungsansatz, der jetzt diskutiert werden soll, ist die Einführung von festen Öffnungszeiten in den kleinen Polizeistationen.

Insgesamt wurden in den vergangenen 35 Jahren 21 Polizeidienststellen im Kreis geschlossen. Das sei ein Verlust für den ländlichen Raum, stellte Tietje fest, es bedeute aber keinen Verlust an Stellen. „Es ist nicht eine Stelle weggefallen. Wir haben Dienststellen zusammengelegt. Es ist kein Rückzug“, sagte Tietje, „ sondern eine Konzentration in der Fläche.“ Aber der Beamte gab auch zu: „Es ist eine Verteilung des Mangels.“ Kein anderes Land habe so wenige Beamte pro Einwohner und gebe so wenig Geld aus für die Polizei wie Schleswig-Holstein. „Man hat gedacht, wenn man zusammenlegt, kann man einsparen. Das war falsch gedacht.“

Einige Teilnehmer der Versammlung empfanden die Ergebnisse der Umstrukturierung als unbefriedigend. „Die Wirklichkeit sieht anders aus“, sagte Nübels Bürgermeister Jürgen Augustin. Bei einem Einbruch in seiner Gemeinde habe er die angerückten Beamten aus Kropp zum Tatort führen müssen, weil die sich nicht auskannten. „Das macht uns große Sorgen“, sagte er. Taarstedts Bürgermeister Peter Matthiesen bemängelte die fehlende Präsenz der Polizei auf den Straßen. „Wir müssen dafür sorgen, dass die Präsenz besser wird. Die Bevölkerung fühlt sich alleingelassen, weil die Polizei nicht zu sehen ist.“

Referent Jörn Tietje gab zu: „Die Decke ist allen Enden zu kurz.“ Egal wohin man sie ziehe, entweder blieben die Ohren oder die Füße kalt.

 

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