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Schleswiger Nachrichten

22. August 2017 | 06:01 Uhr

Platzhirsch-Gehabe und Zicken-Alarm

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Gleichstellungsbeauftragte Karin Petersen-Nißen über Karrierechancen, Gehaltsunterschiede und eine Klage gegen den Bürgermeister

Karin Petersen-Nißen arbeitet weisungsunabhängig, fast wie eine Richterin. Und tatsächlich hat ihre Aufgabe ein Stück weit mit Gerechtigkeit zu tun. Die städtische Gleichstellungsbeauftragte soll dafür sorgen, dass kein Geschlecht gegenüber dem anderen das Nachsehen hat. Eine bisweilen äußerst schwierige Aufgabe, wie sie im Gespräch mit unserem Redaktionsmitglied Dirk Jennert deutlich macht.

Frau Petersen-Nißen, vor wenigen Tagen legten Sie der Schleswiger Ratsversammlung ihren jährlichen Geschäftsbericht vor. Daraus geht hervor, dass es beispielsweise bei der Bezahlung von Männern und Frauen generell immer noch gravierende Unterschiede gibt. Frustriert Sie das nicht?

Petersen-Nißen: Es frustriert mich nicht, aber es ärgert mich. Während es bei uns in der Stadtverwaltung dieses Problem dank der Tarifverträge nicht gibt, kenne ich natürlich zahlreiche Branchen, wo wir deutliche Gehaltsunterschiede feststellen, auch in der Bewertung der Arbeit. Warum verdient ein Tierpfleger mehr als eine Erzieherin, warum ein Hilfsarbeiter auf dem Bau mehr als eine Reinigungsfrau? Das ist ungerecht.

Liegt es an den Arbeitgebern, dass Frauen hier ins Hintertreffen geraten?

Es liegt nicht nur an den Arbeitgebern, sondern auch an den Frauen. Viele denken heute noch an dieses klassische Familienmodell, dass die Frau zu Hause bleibt und sich um die Kinder kümmert und der Mann das Geld verdient. Allenfalls darf die Frau etwas dazuverdienen. Das ist vor allem deswegen misslich, weil sie auf diese Weise nichts für ihre Rente tun. Für den Fall, dass die Ehe nicht funktioniert, laufen sie im Alter in die Armutsfalle.

In der Stadtverwaltung erhält man zwar gleiches Geld für gleiche Arbeit, dennoch sind Frauen im Nachteil. Unter den 15 Führungskräften gibt es nur vier Frauen. Das ist nicht gerecht.

Und das ist mir ein Dorn im Auge. In der Praxis bedeutet das für mich: Wenn eine Führungsposition intern ausgeschrieben wird, achte ich darauf, dass es genügend Bewerberinnen gibt. Falls das nicht der Fall ist, bestehe ich darauf, dass öffentlich ausgeschrieben wird. Wir haben einen Frauenförderplan, der besagt, dass zu Bewerbungsgesprächen gleich viele Männer und Frauen eingeladen werden müssen.

Und wie sehen die Verantwortlichen im Rathaus das?

Die Bereitschaft ist durchaus vorhanden, Frauen einen Chance zu geben. Insbesondere Bernd Sachau, der im Rathaus unter anderem für das Personal zuständig ist, steht dem Thema Gleichstellung sehr offen gegenüber. Es macht ja auch Sinn, dass es eine vernünftige Durchmischung gibt. Hat man es in einer Abteilung nur mit Männern zu tun, kommt das Platzhirsch-Syndrom zur vollen Entfaltung, nur Frauen bedeutet hingegen „Zicken-Alarm“.

Also wären doch zumindest in der Stadtverwaltung die Voraussetzungen gegeben, mehr Frauen in eine Führungsposition zu hieven. Warum funktioniert das am Ende doch nicht so erfolgreich, wie Sie es sich wünschen?

Ein Grund ist mit Sicherheit, dass Frauen gern gefragt werden wollen, ob sie eine Führungsposition anstreben oder besetzen wollen. Sie brauchen einen Schubs. Außerdem haben sie mehr Zweifel. Sie fragen sich, ob sie kompetent genug sind oder Familie und Beruf unter einen Hut bekommen können. Und manche haben auch Angst, in eine Männerdomäne einzubrechen.

War das bei den Stadtwerken der Fall? Im elfköpfigen Aufsichtsrat sitzen nur Männer.

Nach dem Gleichstellungsgesetz, Paragraph 15, hätte dieses Gremium nach Geschlechtern paritätisch besetzt werden müssen. Ich habe alle Ratsfraktionen vor der Kommunalwahl auf dieses Gesetz hingewiesen. Die Stadt Husum hat in einem ähnlichen Fall sogar ein Gutachten in Auftrag gegeben. Demnach darf nur in begründeten Ausnahmefällen von einer paritätischen Besetzung abgewichen werden.

Was können Sie tun?

Ich werde weiterhin darauf einwirken, dass sich das ändert. Ich hoffe immer, dass sich so etwas im Gespräch klären lässt. Allerdings habe ich auch mal den juristischen Weg gehen und den Bürgermeister verklagen müssen. Anlass war die Stelle des Hauptamtsleiters, die neu besetzt werden sollte. Aber zum Vorstellungsgespräch hatte man keine Frau eingeladen. Ich habe aber darauf bestanden, und die Richter haben mir Recht gegeben. Angenehm ist es aber nicht, einen Konflikt auf diese Weise zu lösen. Aber ich bin jetzt 13 Jahre hier. Da weiß ich, wie der Hase läuft – und die Häsin.

Gleichstellung hat auch viel mit Kinderbetreuung zu tun. Wie würden Sie die Situation von alleinerziehenden Müttern in Schleswig einschätzen?

Es hat sich in den vergangenen Jahren viel verbessert. Aktuell ist es der Krippenausbau, der weiterhilft. Damit hat manche Mutter die Chance, eine Ausbildung zu absolvieren. Sie weiß ihr Kind ja gut behütet. Eine ähnlich positive Entwicklung gibt es bei den Kindergärten. Dass die städtische Kindertagesstätte am Moorkatenweg von 6 bis 18 Uhr geöffnet hat, ist sehr hilfreich. Das nützt auch Müttern, die im Einzelhandel beschäftigt sind. Ich finde, dass wir in Schleswig in dieser Hinsicht auf einem guten Weg sind.

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erstellt am 20.Sep.2013 | 07:45 Uhr

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