Kunststoff aus Schleswiger Klärwerk : Plastikteilchen in der Schlei – LKA ermittelt

Diese kleinen Plastikstückchen  hat Nabu-Mitglied Klaus-Peter Heidrich am Schleiufer in Fahrdorf gesammelt. Millionen von den bunten Teilen haben sich in der gesamten Kleinen Breite verteilt.
Diese kleinen Plastikstückchen hat Nabu-Mitglied Klaus-Peter Heidrich am Schleiufer in Fahrdorf gesammelt. Millionen von den bunten Teilen haben sich in der gesamten Kleinen Breite verteilt.

Ermittelt wird wegen des Verdachts der Gewässerverunreinigung. Bei großen Umweltdelikten wird das LKA eingeschaltet.

shz.de von
09. März 2018, 10:44 Uhr

Schleswig | Im Fall der Millionen von Plastikteilchen, die durch das Schleswiger Klärwerk seit Monaten in die Schlei eingeleitet wurden, hat nun das Landeskriminalamt Kiel zusammen mit der Staatsanwaltschaft Flensburg die Ermittlungen übernommen. Das bestätigt ein Sprecher auf Nachfrage. „Wir ermitteln wegen des Verdachts der Gewässerverunreinigung“, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Flensburg am Freitag. Die Ermittlungen richteten sich gegen Verantwortliche der Schleswiger Stadtwerke. Das LKA werde bei Umweltdelikten eingeschaltet, wenn es um Ermittlungen von großem Öffentlichen gehe, sagte ein LKA-Sprecher. Dies sei im Fall der Plastiküberreste in dem Meeresarm bei Schleswig der Fall. 

Der Chef der Stadtwerke Wolfgang Schoofs sagte zu den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, er gehe davon aus, dass auch gegen ihn ermittelt werde.

Essensreste zur Energiegewinnung

Am Montag war bekannt geworden, dass aus der Kläranlage in Schleswig in den vergangenen Monaten große Mengen an Kunststoffteilchen in die Schlei gelangt sind. Die Plastikpartikel stammen aus Speiseresten, die das Klärwerk nutzt, um sie dem Faulturm beizumischen. Dort wird durch den Prozess des Vergärens Strom und auch Wärme gewonnen. Bis vor etwa zwei Jahren sortierte die nordfriesische Firma Refood Plastikverpackungen noch manuell aus, dann wurde auf eine maschinelle Trennung umgestellt – offenbar mit mäßigem Erfolg. Das Problem: Nicht nur das, was in Restaurants auf den Tellern zurückbleibt, landet in der Masse, sondern auch abgelaufene Lebensmittel, die zum Teil samt Verpackung geschreddert werden.

Wer trägt die Schuld?

Das sei gängige Praxis bei der Entsorgung von Speiseresten, wie Refood-Sprecher Marcel Dedrichs auf Nachfrage von shz.de bestätigt. „Wir haben in unserem Vertrag explizit darauf hingewiesen, dass die angelieferte Biomasse nichtorganische Stoffe enthält, insbesondere auch Plastik“, sagt Dedrichs. Passend dazu enthalte der Kontrakt einen Passus, in dem der Käufer – in diesem Fall die Stadtwerke – darauf hingewiesen wird, dass die Masse vor der Verwendung „über eine mechanische Absiebeeinrichtung oder ein Rechensystem mit einer Siebgröße von kleiner als zwei Millimeter geführt werden muss“. Für die Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen, so Derichs, seien allein die Stadtwerke verantwortlich. „Sie müssen, wie bei allen anderen Stoffen auch, dafür sorgen, dass aus der Kläranlage keine Fremdstoffe in öffentliche Gewässer gelangen.“

Das weiß auch Wolfgang Schoofs. Er betont jedoch, dass in dem Vertrag mit Refood stehe, dass die Biomasse zwar Fremdstoffe enthalte, diese aber vor dem Verkauf vom Zulieferer maschinell entfernt werden müssten. Und selbst wenn weiterhin ein geringer Anteil an Fremdstoffen in dem Brei enthalten sei, sollte die Kläranlage mit ihren vier Filterstufen in der Lage sein, diese aufzufangen. Da das nicht passiert ist, folgert Schoofs, dass der Anteil an Plastik in der Biomasse ohne das Wissen der Stadtwerke in den vergangenen Wochen deutlich höher gewesen sei als früher. „Wir hatten zehn Jahre lang keine Probleme. Und jetzt das“, sagt er und betont noch einmal: „Wir haben nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Unser Abwasser und Klärschlamm werden regelmäßig kontrolliert, und es gab nie Beanstandungen.“

Aufräumaktion an der Schlei

„Wir nehmen keine Speisereste mehr an“, sagte Schoofs. Die Menge an Kunststoffen, die jetzt durch eine zusätzliche Filtereinrichtung am Ausfluss in die Schlei aufgefangen werden, müssten sich laut Schoofs daher jetzt nach und nach verringern.

Anfang 2016 war ein Fall von Verunreinigungen von den, nur wenige Millimeter großen, Kunststoffstückchen gemeldet worden, sagte der Leiter des Fachbereichs Umwelt beim Kreis Schleswig-Flensburg, Thorsten Roos. Danach seien bis Anfang dieses Jahres keine weiteren besonderen Auffälligkeiten gemeldet worden. Am Freitag haben die Stadtwerke am besonders betroffenen Naturschutzgebiet Reesholm eine groß angelegte Aufräumaktion gestartet. Zudem soll die Schlei systematisch begangen werden, um den Müll zu finden. Schoofs geht davon aus, dass das Thema die Stadtwerke noch das ganze Jahr beschäftigen wird.

Kopfzerbrechen bereitet Umweltschützern wie auch Behörden, dass mit Reesholm ein Brutgebiet seltener Vogelarten betroffen ist. Normalerweise dürfe das Gebiet zwischen April und September nicht betreten werden. Aber den Sommer nicht zum Absammeln zu nutzen, sei auch keine Lösung, sagte Roos. Daher werde nun in enger Abstimmung mit dem Umweltministerium ein Plan erarbeitet, wie auch während der Brutzeit gesammelt werden könne, ohne mit dem Artenschutz in Konflikt zu geraten.

Zudem besteht die Möglichkeit, dass nicht nur das Gewässer kontaminiert sein könnte, sondern auch Äcker, auf die der Klärschlamm ausgebracht wurde. Dies werde derzeit geprüft, sagte Roos. Da zerkleinerte Speisereste auch einigen Biogasanlagen zugeführt werden dürfen, besteht die Gefahr, dass auch andere Regionen betroffen sind.

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