Imageproblem der Gastronomie : Personalmangel: Schleswig gehen die Kellner aus

Kellnern - kein beliebter Beruf mehr.
Kellnern - kein beliebter Beruf mehr.

Das Patio kann keinen Mittagstisch mehr anbieten. Im Missunder Fährhaus sind vier Stellen unbesetzt. Gewerkschafter sprichen von einem Imageproblem.

shz.de von
09. Januar 2015, 12:00 Uhr

Schleswig | Schweinebraten mit Rotkohl und Klößen, Hähnchencurry mit Reis oder eine Spätzle-Pilz-Pfanne. Aus diesen und anderen Gerichten können die Gäste heute auf der Mittagstisch-Karte im Patio wählen. Ein letztes Mal. Ab dem kommenden Montag bleibt die Traditionskneipe im Lollfuß mittags geschlossen. Dabei war der Laden zuletzt oft so voll, dass manche Gäste hungrig wieder umkehren mussten, weil alle Tische belegt waren.

„Wir finden einfach kein Personal mehr“, sagt Gastwirt Enno Wöhlk. Über Monate hat er nach Ersatz für eine Kellnerin gesucht, die den Betrieb nach fünf Jahren nun verlässt. Ohne Erfolg.

Mit dem Problem steht er nicht alleine da. „Den Fachkräftemangel bekommen auch wir sehr deutlich zu spüren“, sagt zum Beispiel Peter Jacobs, Geschäftsführer des Missunder Fährhauses. Das Ausflugslokal an der Schlei war im vergangenen Jahr aufwändig saniert und vergrößert worden. „Wenn ich genügend Bewerber gefunden hätte, hätte ich in der Küche und im Service vier zusätzliche Mitarbeiter eingestellt“, sagt Jacobs. Noch lassen sich die Lücken füllen, indem die vorhandenen Mitarbeiter Überstunden machen. Aber Jacobs ahnt, dass das nicht mehr lange funktioniert. „Für die Sommermonate werde ich mich wohl auf dem osteuropäischen Markt nach deutschsprachigen Mitarbeitern umsehen müssen“, sagt er.

Finn Petersen, Schleswiger Regionalgeschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), sieht mehrere Gründe für das Problem. Einer davon: „Die Arbeit in der Gastronomie hat einen schlechten Ruf“, sagt er. „Dabei ist es eigentlich ein schöner Beruf, das weiß ich aus eigener Erfahrung.“ Die langen Arbeitszeiten abends und am Wochenende sind nicht gerade attraktiv. Die Einsatzzeiten müssten zumindest besser planbar werden für die Mitarbeiter, meint Petersen.

Das allein dürfte den Mangel an Arbeitskräften indes kaum beheben. Im Patio fehlt die Bedienung für die Mittagsschicht. „Es geht um die Zeit montags bis freitags von 10 bis 17 Uhr“, sagt Enno Woelk. Für die Abendstunden sei der Betrieb mit seinen insgesamt zehn Mitarbeitern nach wie vor gut gerüstet.

Und damit niemand falsche Schlüsse zieht, betont er sogleich: „Mit dem Mindestlohn hat das alles nichts zu tun. Wir haben auch bisher schon mehr gezahlt.“ Der Mindestlohn habe höchstens Auswirkungen auf die Bezahlung von Aushilfen. „Aber mittags kann ich nicht mit Aushilfen arbeiten. Der Mittagstisch lebt davon, dass die Stammgäste ihre Stammbedienung treffen, die weiß, wer seine Apfelsaftschorle gern mit warmem Mineralwasser trinkt.“

Dabei verlange er nicht einmal eine abgeschlossene Ausbildung in der Gastronomie, betont der Wirt. Motiviert und freundlich allerdings sollten die Bewerber sein. Daran, so lässt Wöhlk durchklingen, habe es gelegentlich gehapert bei den Kandidaten, die sich im Patio vorstellten.

Woelk meint, dass die Lage für seine Branche in Schleswig besonders schlecht ist. „Die jungen Leute verlassen die Stadt, wenn sie mit der Schule fertig sind.“ Finn Petersen, der als Gewerkschafter eine Region von Kiel bis Sylt betreut, berichtet jedoch von ganz ähnlichen Sorgen im ganzen Land. In Schleswig gebe es immerhin noch Ausbildungsbetriebe, die für Nachwuchs im Gastronomiebereich sorgen, zum Beispiel das Waldschlösschen oder der Alte Kreisbahnhof.

Peter Jacobs vom Missunder Fährhaus fragt sich, ob sich der Service, den Restaurantgäste bisher gewohnt sind, auf Dauer überhaupt noch aufrecht erhalten lasse. „Vielleicht werden wir in Zukunft viel mehr Selbstbedienungsangebote sehen“, sagt er.

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