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Deutschland-Tour : Panther im Kriechgang: Im Trecker an die Schlei

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Alfred Weber aus dem Unterallgäu ist mit einem 51 Jahre alten Trecker und Wohnwagen auf Deutschland-Tour. Von Oberkammlach bis an die Schlei brauchte er zweieinhalb Monate: "Ich bin schneller als ein Fahrradfahrer."

shz.de von
erstellt am 11.Aug.2013 | 06:02 Uhr

Rabenkirchen-Faulück | Touristen sind Individualisten. Für Alfred Weber aus dem Unterallgäu gilt das ganz besonders. Weber hat eine ungewöhnliche Form des Reisens für sich entdeckt. Er bereist Deutschland auf einem Eicher Panther.
Panther, das klingt schnell, doch die Höchstgeschwindigkeit seines Reisegefährten liegt bei gerade einmal 25 bis 26 Stundenkilometern - immerhin muss das zweitkleinste Schleppermodell aus der Raubtier-Serie der Gebrüder Eicher Traktorenbau noch einen Wohnwagen hinter sich herziehen. "Aber keine Angst, ich bin schneller als ein Fahrradfahrer - vielleicht nicht auf kurzer Strecke, doch auf die Dauer halte ich die Geschwindigkeit besser", sagt Weber und lacht. Zur Geschwindigkeitsmessung dient übrigens ein nachträglich eingebauter Fahrrad-Tacho. "Ein Tacho war ursprünglich nicht dran, nur ein Betriebsstundenzähler. Aber der geht nicht mehr, und den brauch’ ich auch nicht."

Lieber Sylt als Rom

Eigentlich braucht Weber auch den Tacho nicht, denn Geschwindigkeitsrekorde wird er auch im Treckersegment nicht aufstellen. Und überhaupt spielt Zeit bei dieser Form des Reisens eine völlig andere Rolle. Mit dem über 50 Jahre alten Traktor und einem Wohnwagen reist Weber auf den Spuren der Entschleunigung. Zweieinhalb Monate brauchte der ehemalige Fahrkartenschaffner von seinem Heimatort Oberkammlach bis an die Schlei. 2081 Kilometer hat er dabei zurückgelegt und war immer auf weniger befahrenen Straßen unterwegs. "Der Weg ist das Ziel. Ich war noch nie ein hektischer Mensch, der könnte so etwas auch nie machen."
Die blaue Farbe des Traktors ist längst ausgeblichen, dafür ist Webers Haut braungebrannt, die cabrioähnlichen Fahrten seines Treckers machen es möglich. Ursprünglich wollte er mit Trecker und Wohnwagen über die Alpen nach Rom, doch dann zog es ihn nach Sylt und an die Schlei. "Da war ich noch nie." Nach Sylt ist er ausnahmsweise mit dem Zug gekommen und hat dort mit dem Fahrrad die Nordhälfte der Insel abgefahren. "Die Insel ist sagenhaft, da bin ich nicht das letzte Mal gewesen", sagt Alfred Weber und seine wachen Augen blitzen auf. Mit dem Fahrrad erkundet er die nähere Umgebung seines jeweiligen Standortes. Mit Vorliebe sind das Wiesen abseits von Campingplätzen. "Ich erzähl’ den Eigentümern meine Geschichte und frage, ob ich dort für einen oder ein paar Tage stehen darf. Bisher hat mich noch keiner abgelehnt", sagt der Bayer.

Ungläubige Blicke an der Tankstelle

Im Gegenteil: Viele seiner ehemaligen Gastgeber erkundigen sich per E-Mail oder Handy nach seinem Wohl. Natürlich erntet er auch ungläubige Blicke, wenn er mit seinem ungewöhnlichen Reisegespann umsäumt von bayerischen Flaggen an die Tankstelle fährt. Doch den 66-Jährigen verunsichert das nicht. Es ist das unerschütterliche Selbstbewusstsein desjenigen, der sich seinen langjährigen Traum erfüllt. Auch wenn Weber allein unterwegs ist, fühlt er sich nicht einsam. "Jeden Tag muss ich mit Menschen in Kontakt treten. Und auf der Straße begegnen mir Motorradfahrer, die den Daumen nach oben strecken, wenn sie mich sehen." Ein Biker hat ihn auch schon auf seiner Moto Guzzi fahren lassen und zu sich nach Hause zu Kaffee und Kuchen eingeladen.
Auf seiner Deutschlandtour entdeckt der urige Allgäuer nicht nur neue Landschaften, sondern auch viele Menschen. "Die meisten sind sehr hilfsbereit." So hat er es erlebt, als im Sauerland seine Anhängerkupplung wegbrach, und der "Eismann" mit seinem Lkw den Wohnwagen aus dem Kurvenbereich fuhr. Eine benachbarte Werkstatt hat dann zunächst auf Vertrauensbasis die Reparatur ausgeführt, bis Weber mit seinem Portemonnaie zurückkam.

Lötmaterial im Gepäck

Seine Familie hat nichts gegen seine Solo-Reisen. "Auf dem Trecker kann ich sie nicht mitnehmen, und im Wohnwagen ist es verboten." Dieser Wohnwagen ist mit 25 Jahren der Junior dieses Reise-Trios. Er hat ihn für seine Zwecke umgebaut. Überhaupt macht Alfred Weber vieles selbst. Bis auf ein Schweißgerät hat er fast alles an Werkzeug mit dabei - auch Lötmaterial und einen Bohrer. Wenn man in diesem Gefährt auch auf einigen Komfort verzichten muss, wie Weber sagt, sind doch ein kleiner Kühlschrank, ein Herd, ein 25-Liter-Frischwassertank, ein Waschbecken, eine Toilette und sogar ein Fernseher mit an Bord. "Mir fehlt es an nichts", meint der 66-Jährige.
Weiter geht es über Schwerin nach Potsdam und Berlin und dann wieder zurück in entspannter Langsamkeit. Alfred Weber hat Zeit, Mitte Oktober will er wieder zu Hause sein.

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