zur Navigation springen

Obdachlosen-Unterkunft in Schleswig : „Ohne Geld kommst du hier nicht raus“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Seit zehn Jahren lebt Kurt Schröder (Name geändert) in einer Obdachlosenunterkunft im Ansgarweg – und hat zunehmend resigniert.

Zwei Fotos im Regal zeugen davon, dass Kurt Schröder (Name geändert) auch mal bessere Zeiten erlebt hat. Sie zeigen seine Tochter – einmal als Kind und einmal als junge Frau. Der Kontakt zu ihr ist jedoch „schon vor Ewigkeiten“ abgerissen. „Ich kenne nicht mal ihren jetzigen Namen. Ich weiß nur, dass sie in Kiel wohnt“, sagt Schröder resigniert.

Es ist kalt in seinem Zimmer in der Obdachlosenunterkunft im Ansgarweg. Und feucht. Die aufgestellten Salztöpfe wirken nur bedingt. „Ich werde heute Abend wohl nochmal den Ofen anschmeißen müssen“, sagt der 64-Jährige. Und dann werde er am nächsten Tag los müssen, um neue Briketts zu kaufen. „Dafür muss ich mir jedes Mal ein Taxi bestellen. Das kostet ganz schön viel Geld.“ Eine Zentralheizung gibt es nicht in dem Haus. Ebenso wenig wie eine Dusche und eine Waschmaschine. Dafür ein kleines Waschbecken. Und woher kommt das warme Wasser? Schröder zeigt auf die Fensterbank. „Ich hab’ einen Wasserkocher.“ Das Gemeinschaftsklo teilt er sich mit den beiden anderen Hausbewohnern.

„Seit bummelig zehn Jahren“ lebt Kurt Schröder in dieser „Absteige“, wie er selbst sein 18 Quadratmeter großes Reich nennt. 77,70 Euro zahlt er pro Monat an Miete. Dazu kommen 25 Euro für Strom. „Unterm Strich bleiben mir 400 Euro zum Leben“, erklärt er mit Verweis auf seine Berufsunfähigkeitsrente. Dabei sei er nicht nur gelernter Orthopädieschuhmacher, sondern habe auch eine Ausbildung zum Sanitäter und zum Feuerwehrmann absolviert. „Zum Schluss habe ich in der Hamburger Uniklinik gearbeitet.“ Aber das ist lange her.

Kurt Schröder gehört zu den Verlieren der Gesellschaft. „Weißt du, ich habe keine Kindheit gehabt. Ich habe nichts gehabt“, sagt er, als er seine Lebensgeschichte mit den vier Herzinfarkten erzählt und sich währenddessen eine Zigarette nach der anderen ansteckt. Als sein Vater starb, hinterließ der ihm nicht nur eine Firma, sondern auch 200.000 Mark Schulden. „Als ich die abgearbeitet hatte, lag eines Tages ein Zettel von meiner Frau auf dem Tisch: ‚Ich lass mich scheiden.‘“ Schröder lernte daraufhin eine Schleswigerin kennen, zog von Elmshorn zu ihr in die Schleistadt. Bis auch sie ihn verließ und er plötzlich auf der Straße stand. „Ich wusste nicht, wo ich hin sollte und habe mich an die Stadt gewandt. Zwei Stunden später saß ich hier.“

Endstation Ansgarweg? Kurt Schröder fehlt der Antrieb, die Flucht aus dem Elend zu versuchen. „Ich bin sowas von fertig und kaputt“, sagt er, „und das hängt nicht nur mit dem Alkohol zusammen.“ Ja, er sei Alkoholiker, räumt der gebrechliche Mann freimütig ein und schenkt einen weiteren Schluck Schnaps ins Glas ein. „In der Klinik hilft dir auch keiner“, hat er festgestellt. Dabei sei er quasi Stammgast in der Fachklinik.

Die schönste Zeit in seinem Leben, erzählt Schröder, seien jene Wochen gewesen, als er sich als Mitglied des Vereins „Hilfe für Menschen in Not“ um Tschernobyl-Kinder gekümmert habe. Damals war er sogar eine Woche lang in Russland gewesen. „Die Russen sind liebe Menschen. Da würde ich sofort wieder hinfahren.“ Schöne Erinnerungen.

Die Realität heißt Ansgarweg. Seit kurz vor dem letzten Weihnachtsfest der Fernseher kaputt ging, sind Schröder zur Unterhaltung nur noch ein Radio und die Kreuzworträtselhefte geblieben. „Ich sitze hier von morgens bis abends und mache Rätsel.“ Mit seiner Umwelt ist er alles andere als im Reinen. Vor kurzem hat jemand die Außenwand des Hauses beschmiert. „Schleswig Stadt der Henker“ steht da auf dem Klinker gekritzelt. „Hör doch auf! Sowas ist doch nicht normal!“, schimpft Schröder. Immerhin komme er mit einem seiner Nachbarn gut klar. „Der geht sogar noch jeden Tag arbeiten“, sagt er mit Bewunderung.

Irgendwann kommt Schröder zwangsläufig auf das Thema Flüchtlinge zu sprechen. „Ich hab’ wirklich nichts gegen die Flüchtlinge. Im Gegenteil“, beteuert er. „Aber die kriegen alles. Und wir kriegen nichts.“ Na ja, immerhin habe er ein Dach überm Kopf, sagt er dann versöhnlich – und steckt sich wieder eine Zigarette an.

„Wenn du kein Geld hast, kommst du hier nicht raus“, ist der 64-Jährige überzeugt. Wenigstens ein bisschen Hoffnung, den Lebensabend in besseren Umständen zu verbringen, ist ihm aber doch geblieben. „Wenn ich endlich die volle Rente kriege, dann habe ich 250 Euro mehr. Mal sehen, was dann machbar ist.“ Ein Leben im Altersheim könne er sich vielleicht vorstellen.

Und was ist mit seiner Tochter? „Die schuldet mir noch richtig Kohle“, sagt er verbittert. Seine Mutter hätte ihr das Haus vererbt. Er selbst habe nicht mal seinen Pflichtteil erhalten. Aber Kurt Schröder will nicht brechen mit seiner Tochter. „Aus meiner Familie lebt ja sonst keiner mehr.“ Und so bleiben die Fotos im Regal stehen.

Die Stadt Schleswig unterhält im Ansgarweg 1 bis 3 im Stadtteil Friedrichsberg insgesamt 22 „Nutzungseinheiten“ für Obdachlose. Zur Zeit sind dort nach Rathaus-Angaben sieben Personen untergebracht.  Zudem  wurde dem Diakonischen Werk eine Unterkunft für Sprechstunden mit den Untergebrachten zur Verfügung gestellt. Zur spärlichen Ausstattung der Räume heißt es: „Mit den vorhandenen Gegebenheiten kommt die Stadt Schleswig ihren gesetzlichen Verpflichtungen für die Unterbringung von Obdachlosen entsprechend nach.“ Dass Menschen langfristig im Ansgarweg untergebracht sind, ist die Ausnahme. Gedacht sind die Unterkünfte laut Satzung „zur vorübergehenden Unterbringung von obdachlosen Personen“.
zur Startseite

von
erstellt am 28.Sep.2015 | 16:50 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen