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Flüchtlingshelfer mit Irakischen Wurzeln : „Ohne Doski hätten wir ein Problem“

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Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Der ehemalige Flüchtling Amed Doski (47) spricht acht Sprachen und gibt Neuankömmlingen im Kreis Schleswig-Flensburg erste Orientierung.

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erstellt am 21.Dez.2015 | 19:22 Uhr

Es ist 10 Uhr am Donnerstag. Im Kay-Nebel Saal herrscht Hochbetrieb. Vor rund einer halben Stunde kam ein Bus mit Flüchtlingen an, jetzt sitzen Menschen aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und Eritrea um den großen Konferenztisch herum, an dem sonst Kreispolitik gemacht wird. Mitten im Raum steht Amed Doski. Wasserflaschen hat er verteilt und Willkommenstaschen mit wichtigen Informationen in mehreren Sprachen ausgehändigt. Nun erläutert der Mann mit der sanften Stimme, wie es weiter geht mit den Entwurzelten. Und während er in Zwiegesprächen mit einem alleinreisenden Flüchtling und einer jungen Frau mit zwei kleinen Mädchen vom Arabischen ins Persische wechselt, ein junger Mann aus Eritrea etwas auf Englisch fragt und Doski entsprechend antwortet, öffnet und schließt sich die große Tür des historischen Saals unentwegt. Eine Mitarbeiterin reicht einen Schwung neuer Dokumente herein und wechselt die Klinke mit dem ersten Taxifahrer. Ihm teilt Doski eine Handvoll Flüchtlinge zu. Lindewitt und Handewitt hat die Mitarbeiterin auf die gelben Kärtchen notiert, die neben den Lichtbildern auf den Erfassungsbögen kleben. 63 Menschen werden am Ende des Tages auf die Gemeinden im Kreis verteilt sein.

Amed Doski ist ein gefragter Mann in diesen Tagen, und glaubt man dem Flurfunk im Schleswiger Kreishaus dort vielleicht sogar der gefragteste. „Ohne Doski“, sagt Landrat Wolfgang Buschmann immer wieder, „hätten wir ein echtes Problem“. Der Hochgelobte selbst macht wenig Aufhebens um seine Person, dafür hat er auch viel zu viel zu tun. Jeder Flüchtling, der aus einer der vielen Erstaufnahmen des Landes dem Kreis zugeteilt wird, geht durch die Hände des 47-Jährigen. Und der weiß ganz genau um die Sorgen und Ängste der Menschen – aus eigener Erfahrung. Denn Amed Doski kam vor 15 Jahren selbst als Verfolgter in den Norden Deutschlands.

„Es war sehr schwer, als Kurde im Irak zu leben“, erinnert sich Doski an die Zeit, als er sich entschloss, mit seiner Frau Shilan und seinem kleinen Sohn Chira zu fliehen. „Wir hatten keine Rechte, keine Freiheit.“ Sein Weg führte ihn illegal durch die Türkei und dann über die Balkanroute bis nach Deutschland. Die Strapazen, die Gefahren, die Schleuser – all das, was den Menschen im Kay-Nebel-Saal in den Knochen steckte, als sie vor drei Wochen entkräftet in Schleswig-Holstein ankamen, hat auch er am eigenen Leib erfahren. „Ich wollte in Freiheit leben ohne Unterdrückung“, sagt der gelernte Ingenieur und Dolmetscher, dessen Flucht im Jahr 2001 in einer kleinen Wohnung in Silberstedt endete.

Den mühsamen Weg, der dann für ihn und seine Familie folgte, möchte er den heutigen Flüchtlingen erleichtern. Auch deshalb engagiert er sich so sehr. „Als wir kamen, gab es keine Lotsen und keine Betreuung“, erzählt Doski. Deutsch brachte er sich selbst bei, den ersten Sprachkurs gab es erst nach zwei Jahren, seine Frau wartete auf ihren Deutschkursus sogar vier Jahre lang. Und das Schlimmste für die junge Familie: Ehefrau Shilan und Sohn Chira wurden erst 2008 als Flüchtlinge anerkannt. Warum, das weiß Doski bis heute nicht.

Zu diesem Zeitpunkt aber hatte sich die Familie in dem kleinen Ort bereits bestens integriert. Töchterchen Didan war gerade geboren, als Amed Doski im Jahr 2002 eine Anstellung als Hausmeistergehilfe in der Amtsverwaltung bekam. „Das war für mich ein neuer Anfang. Dafür bin ich sehr dankbar“, sagt der Mann, der neben Deutsch sieben weitere Sprachen (Kurdisch in zwei Dialekten, Arabisch, Persisch, Türkisch, Armenisch, Russisch und Englisch) fließend beherrscht und fortan auch diese Fähigkeit nutzte, um gleichermaßen anderen Menschen den Start in der neuen Heimat zu erleichtern wie sich und seiner Familie selbst.

2003 begann er für Behörden zu dolmetschen, ab 2006 arbeitete er in der Sprachförderung des Bildungsträgers WHP bei der Kreishandwerkerschaft Schleswig und von 2011 bis zu diesem Jahr an der Rackow-Schule in Flensburg. Er erlebte das Anschwellen des Flüchtlingsstroms und engagierte sich auch in Schleswig ehrenamtlich in der Flüchtlings- und Integrationsarbeit, bis der Kreis ihn als „Kulturmittler“ ins Kreishaus holte, weil er sich dort als Dolmetscher unentbehrlich gemacht hatte.

Amed Doski ist inzwischen Deutscher. Im Jahr 2010 wurde die Einbürgerung der Familien genehmigt. „Das war für uns wie ein neues Leben“, sagt der 47-Jährige, dem der Dank nicht schwer über die Lippen kommt. „Die Menschenrechte in Deutschland, der Respekt, den man mir in diesem Land entgegengebracht hat, die vielen netten Menschen, die uns aufgenommen haben – all das konnte ich kaum glauben. Ich bin im Herzen ein Silberstedter“, sagt Doski, der inzwischen in Schleswig lebt und sich nach etlichen Tagen und Wochen unter Volldampf auf geruhsame Tage mit der Familie freut. Mit Ehefrau Shilan, der inzwischen 13-jährigen Didan, die das Lornsen-Gymnasium besucht, und Sohn Chira, der die Flucht aus dem Irak als Kleinkind erlebte und heute in Kiel Jura studiert.

Amed Doski ist dankbar und zahlt es seiner neuen Heimat doppelt und dreifach zurück – aber erst wieder im nächsten Jahr. Bis dahin gönnt er sich eine weihnachtliche Verschnaufpause.

 

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