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Selbstversuch : Noch mal zur Führerschein-Prüfung – Durchgefallen!

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Unsere Redakteure Tina Ludwig und Gero Trittmaack fahren seit vielen Jahren Auto – jetzt ging es nochmal zur Prüfung.

shz.de von
erstellt am 03.Sep.2017 | 14:23 Uhr

Schleswig | Es gibt Ereignisse, die man in seinem Leben nicht vergisst. Dazu gehört auch die Führerscheinprüfung. Die schwierige Theorie, die schwitzigen Hände und den Prüfer im Nacken bei der Praxis – da hat fast jeder einige Döntjes zu erzählen. Aber was ist nach Jahren oder gar Jahrzehnten vom Erlernten noch übrig? Welche Fehler haben sich eingeschlichen? Wirkt sich die Routine vielleicht sogar negativ aus? Unsere Redakteure Tina Ludwig (33, Führerschein vom 25. November 2002) und Gero Trittmaack (61, Führerschein vom 9. März 1978) haben die Probe aufs Exempel gemacht. Bei der Schleswiger Fahrschule Volker Röh ließen sie sich noch einmal auf einen Praxistest ein. Um es vorweg zu nehmen: Fahrlehrerin Ilona Tebbe hatte anschließend einiges zu kritisieren.

Was soll schon schiefgehen? Fast 40 Jahre und einige Hunderttausend Kilometer Erfahrung ohne nennenswerte Vorkommnisse. Gelegentlich geblitzt worden, einige kleine Rempler, einmal einen Kreisverkehr übersehen. Das war's eigentlich auch schon. Schwächen: Ich blinke zu selten, kann in der Stadt das Tempo nicht gut einhalten, und der Schulterblick ist nicht so mein Ding. Aufregung? Keine Spur: Schließlich müssen wir nicht in der Theorie antreten – und Fahrlehrerin Ilona Tebbe hat zugesichert, dass wir unseren Lappen behalten dürfen – was auch immer in der Prüfung passiert. Eine wichtige Rückversicherung, wie sich später herausstellte.

Es geht ganz locker los: Einsteigen, anschnallen, raus aus der Parklücke – und schon den ersten Fehler gemacht: Beim Losfahren nicht geblinkt und wieder einmal kein Schulterblick. Nur Augenblicke später wird mir klar, dass ich mich sehr zusammenreißen muss. In der Spielstraße am Anfang des Stadtwegs gilt Tempo 10. Ich weiß, wie nervig es ist, hinter jemandem herzujuckeln, der vorschriftsmäßig unterwegs ist – vorweg zu fahren ist noch anstrengender.

Die Fahrlehrerin lotst mich in die Gegend rund um Bellmannstraße, Theodor-Storm- und Friedrich-Ebert-Straße. Gefühlt ein unübersichtliches Gewirr von Tempo-30-Zonen, Einbahnstraßen, Rechts-Vor-Links-Kreuzungen und Autos, die am Straßenrand parken. Das bedeutet: Immer nach rechts in Straßen schauen, den Tacho genau im Auge behalten, Schilder merken und blinken, blinken, blinken. Ich habe noch nie in meinem Leben so viel geblinkt.

Besonders schwer fällt es mir, mich strikt an Tempo 30 zu halten. Da macht sich schnell Ungeduld breit. Intuitiv fahren ist heute nicht drin. Urplötzlich ein Lob vom Beifahrersitz: „Ein Pluspunkt“, sagt die Fahrlehrerin, „Sie haben den Radfahrer vorgelassen.“ „Das mache ich immer“, denke ich, freue mich aber trotzdem. Knapp 40 Meter weiter ist die Freude wieder vorbei – zu forsch an einer Rechts-Vor-Links-Kreuzung vorbeigerauscht. „Jetzt sind wir quitt“, grinst Ilona Tebbe.

Nach einer knappen halben Stunde hat die Fahrlehrerin eine halbe DIN-A-4-Seite mit Fehlern aufgelistet. Der schlimmste: 48 km/h in einer 30er-Zone. Außerdem: Zu wenig geblinkt, zu wenig Schulterblick, beim Abbiegen eine Markierung überfahren. Ihr unaufgeregtes Fazit: Wäre dies eine echte Prüfung gewesen, wäre ich klar durchgefallen. Schon erstaunlich, wie Nachlässigkeiten und Fehler sich im Laufe der Jahre einschleichen.

„Trotzdem“, sagt die Fahrlehrerin trocken, „ich habe mich in keinem Moment unsicher gefühlt.“ Ich beschließe, ihr zu glauben. Und mich zu bessern.

Ilona Tebbe ist bereit für die nächste Prüfung, und ich setze mich hinters Steuer. Im Gegensatz zu meinem Kollegen Gero Trittmaack gehe ich als Streberin ins Rennen. Weder Punkte in Flensburg noch irgendwelche Unfälle stehen auf meinem Konto, auch geblitzt wurde ich in 15 Jahren noch nie. Meine einzige Schwäche: den Schulterblick vernachlässige ich gerne. Doch den sollte man mit etwas Konzentration doch hinbekommen, oder?

Trotz der guten Voraussetzungen bin ich etwas nervös – denn man weiß ja nie, was sich die Fahrlehrerin alles ausdenkt, um weitere Schwächen aufzudecken. Meine Route startet am Stadtfeld. Sie geht aber nicht durch zahlreiche Tempo-30-Zonen in Schleswig, sondern über Landstraßen und durch Dörfer. Rückwärts einparken muss ich also nicht. Glück gehabt! Über den Kattenhunder Weg und den Mühlenredder fahre ich durch einige kleine Seitenstraßen in Richtung Schleidörferstraße. Im Gewerbegebiet St. Jürgen soll ich eine Vollbremsung machen – vor einem fiktiven Hindernis. Der erste Versuch geht natürlich daneben, mit dem zweiten kann Ilona Tebbe leben – wenn auch mit Bauchschmerzen. Sie lotst mich wieder auf die Schleidörferstraße bis nach Füsing. Stets achte ich darauf, keine Geschwindigkeitsbegrenzung zu übersehen. Und auch sonst gebe ich mir Mühe, immer schön in die Seitenspiegel zu schauen und an den Schulterblick zu denken. „Sie schaltet wie ein Rennfahrer“, sagt Ilona Tebbe amüsiert und dreht sich lachend zu meinem Kollegen um, den ich im Rückspiegel grinsen sehe. Dem Autofahrer hinter mir gefällt es gar nicht, dass ich mich an die erlaubten 100 km/h halte, und er fährt rasant an mir vorbei, als ich irgendwann rechts abbiege.

Nach einer halben Stunde stehen wir wieder vor der Fahrschule im Lollfuß, und ich bin gespannt auf das Feedback von Ilona Tebbe. „Kompliment!“, lobt sie, „Sie haben sich ja sehr diszipliniert an die Geschwindigkeitsbegrenzungen gehalten und immer bewusst und vorausschauend gebremst.“ Doch nicht mit allem ist sie zufrieden: Die Außenspiegel wurden vernachlässigt, auch der Schulterblick blieb das eine oder andere mal aus. Das ist vor allem beim Spurwechsel notwendig, um den toten Winkel abzudecken. Fazit: Eine richtige Prüfung hätte ich knapp nicht bestanden – aber wirklich nur knapp. Damit kann ich leben und nehme mir vor, mal öfter über die Schulter zu blicken.

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