Neue Technik und weiche Eier

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19. Dezember 2014, 18:03 Uhr

Unsere Dörfer brauchen Zuwendung. Die Grundschulen stehen auf der Kippe, Kaufmann und Krug haben meist schon lange dichtgemacht, das Geld ist knapp und die Bevölkerung wird immer älter. Letzteres wird gern mit dem Begriff „demographischer Wandel“ verschleiert. Alles schlecht also? Überhaupt nicht, denn die Dörfern haben einen wichtigen Trumpf im Ärmel: Das ist die Gemeinschaft. Sicher gibt es häufig Streit. Aber die Menschen halten grundsätzlich zusammen und identifizieren sich mit ihrem Dorf. Und wenn es sehr gut läuft, werden nicht nur Ureinwohner, sondern auch Zugezogene in diese Gemeinschaft integriert.

Jetzt wollen Studenten aus Kiel den Gemeinden im Amt Haddeby mit einem „Lokalportal“ im Internet auf die Sprünge helfen – einer Kommunikationsplattform, die eine individuelle Nachbarschaft erzeugt. Damit ist dann wohl gemeint, dass Erna Clausen aus Geltorf (Name von der Redaktion geändert) ihre Freundinnen nicht mehr anruft oder über den Gartenzaun anschnackt, wenn sie zu ihrem Geburtstagskaffee einladen will, sondern den Termin einfach ins Internet stellt. Und der virtuelle „Chatroom“ macht für ihren Mann dann endlich auch die mühsamen Radtouren zur wöchentlichen Skatrunde überflüssig, bei denen ohnehin nur geschnackt wird.

Dass die moderne Technik auf dem Lande benötigt wird, ist unbestritten. Es sollte niemand den Fehler machen, die Menschen hier für unmodern oder gar rückständig zu halten. Aber für Geltorf ein Programm anzubieten, das den Ort verbindet, geht möglicherweise an den eigentlichen Problemen vorbei. In Geltorf sind die Menschen schon verbunden.

„Ja, is' denn heut' scho' Ostern?“, könnte man frei nach Franz Beckenbauer fragen. Die Bürger von Dollerup sehen sich kurz vor Weihnachten einen wahren Bombardement mit Eiern ausgesetzt. Die Betroffenen sind zu Recht wütend, denn wer wischt schon gern alle paar Tage den Glibber von der Hausfassade oder spült seinen Briefkasten durch, weil jemand dort massenhaft ungebratenes Omelette eingefüllt hat.

Die spannende Frage ist: Wer macht so etwas? Wer fährt im Schutz der Dunkelheit durch die entlegensten Gegenden, um mit rohen Eiern zu werfen? Das ist für einen einigermaßen vernünftigen Menschen schwer zu beantworten. Für den Frieden in den Dolleruper Häusern ist allerdings zu wünschen, dass der Werfer erwischt wird, er seinen Blödsinn endlich einstellt – oder ihm jedenfalls die Eier ausgehen. Sonst könnte es nämlich ungemütlich werden. Ganz normale Gespräche könnten einen ganz neuen Unterton bekommen. Wenn die Frau ihren Mann ganz freundlich nach seinen Wünschen für das Frühstück fragt, könnte die Antwort, dass er gern ein weich gekochtes Ei hätte, allerhand Konfliktpotenzial bergen. Und wie in einer solch angespannten Atmosphäre Ostern gefeiert werden soll, wollen wir uns lieber gar nicht erst vorstellen,

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